Der Fränkische Rechen – das Wappen Frankens

Der Fränkische Rechen – das Wappen Frankens

Leseprobe

Kennen Sie Franken?

Mehr zum Schwerpunkt “Kennen Sie Franken?” im Dezemberheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Ambitioniert im strukturschwachen Umfeld: Hof und Coburg
  • Am Wendepunkt: E.T.A. Hoffmann Theater Bamberg
  • Zwischen Nürnberg und Dresden: Interview mit Peter Theiler
  • Meine Theaterstadt: Mit der Schauspielerin Susanna Mucha in Hof
  • Trabanten der Metropolregion: Erlangen und Fürth
  • Westlich der Mitte: Ansbach und Dinkelsbühl
  • Jenseits des Staatstheaters: Nürnbergs freie Szene

Das andere Bayern

Der bayerischen Kulturpolitik wird oft und gern ein Loblied gesungen. Und wer sich umschaut unter dem weißblauen Himmel südlich des Weißwurstäquators, der findet für deren segensreiches Wirken auch mancherlei Beispiele. Wobei der Begriff „Weißwurstäquator“ in seiner Ungenauigkeit aber auch gleich in die Nähe unseres Schwerpunktthemas führt. Genau genommen ist dieser Äquator nämlich eher ein Kreis um München herum als ein Breitenkreis auf der Erdachse. Und damit entspricht er ziemlich genau der preußischen Wahrnehmung des bayerischen Kulturkreises: In der Mitte ist München, und drum herum ist auch noch ein bisschen was. Wenn man nach diesem „bisschen“ ein bisschen genauer fragt, tauchen vielleicht noch Regensburg oder Augsburg auf dem baye­rischen Radarschirm der Wahrnehmung auf. Oder Bayreuth natürlich. Aber das ist ein Welt-Festival und damit fast schon wieder exterritorial.

Unter der Ägide des Freistaats

Dass kein Mensch an die nordbayerische Region Franken denkt, wenn von Bayern die Rede ist, ja, dass noch nicht einmal der Festspielruhm des oberfränkischen Bayreuth die Kulturregion Franken jenseits pauschaler Klischees von Fachwerkromantik stärker ins Bewusstsein gerückt hat – dafür gibt es sowohl geographische als auch kulturgeschichtliche Gründe. Erstens ist Franken keineswegs identisch mit Nordbayern, sondern reicht bis ins Baden-Württembergische und nach Thüringen. Und zweitens ist Franken in seiner geschichtlichen Tradition anders geprägt als Altbayern: kein zentral regiertes Kurfürstentum, sondern ein heterogenes, kleinstaatlich zergliedertes Gebiet aus freien Reichsstädten, teils preußisch regierten Residenzen, Fürstbistümern und zahlreichen Reichsrittern mit Kleinstterritorien; und zudem keineswegs katholisch wie Altbayern, sondern protestantisches Kernland mit Nürnberg als Zentrum der Buchdruckerkunst. Erst Napoleon Bonaparte gab den Anstoß dazu, Franken dem späteren Königreich Bayern zuzuschlagen. Seitdem fristet die Region ein Schattendasein als das andere Bayern, schwankend zwischen trotzigem Traditionsbewusstsein und stillschweigender Zufriedenheit. Denn es lebt sich ja nicht schlecht unter der Ägide des Freistaates.

Gerade die Theaterszene hat in den letzten Jahrzehnten davon profitiert, dass Kultur nach bayerischem Selbstverständnis eine unhintergehbare Aufgabe der strukturpolitischen Daseinsvorsorge ist. Zu zahlreichen Theatersanierungen hat der Freistaat Geld beigesteuert, er machte 2005 die Städtischen Bühnen Nürnberg zum Staatstheater, unterstützte in Ansbach die Gründung eines Stadttheaters und in Dinkelsbühl die Umwandlung des Fränkisch-Schwäbischen Städtetheaters in eine Landesbühne – um nur wenige Beispiele zu nennen. Das „Bayernproblem“ Frankens ist weniger eines der politischen Wirklichkeit als vielmehr eines der öffentlichen Wahrnehmung: Franken wird allenfalls als „romantische“ Museumslandschaft wahrgenommen – aber kaum als eigengeprägte Kultur- und Theaterlandschaft der Gegenwart.

Das Heimatland der Butzenscheiben-Nostalgie

Dass sich das Mittelalter- und Fachwerk-Image hier besser als anderswo zur Vermarktung anbietet, ist die Kehrseite einer Strukturschwäche aus vielhundertjähriger Tradition: Der Dreißigjährige Krieg hat das Land verheert und zerrissen, den Anschluss an die geschichtsmächtigen Entwicklungen hat es danach lange nicht gefunden. Hier ist auch deshalb vieles so geblieben wie vor vielen Hundert Jahren, weil schlicht kein Anlass und kein Geld da war, um architektonisch mit der Zeit zu gehen. So ist Franken zum Heimatland der Butzenscheiben-Nostalgie geworden. Dabei gäbe gerade die Theaterlandschaft Anlass zum Stolz auch auf die Gegenwart. Der Thea­terreichtum ist hier so groß, dass wir ihn noch nicht einmal in diesem Schwerpunkt erschöpfend darstellen können. Sonst hätten wir selbst dem eifrigsten Leser genau dies zugemutet: eine erschöpfende Lektüre. Deshalb haben wir die bunte Freilichtszene von den Kreuzgangspielen in Feuchtwangen bis zu den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel außen vor gelassen; sie hätte mühelos einen eigenen Schwerpunkt gefüllt. Auch Würzburg und Maßbach kommen hier nicht zum Zuge, denn auf Schloss Maßbach beginnt unter dem neuen Namen Theater Schloss Maßbach – Unterfränkische Landesbühne gerade ein Neustart, den wir später noch würdigen wollen; und in Würzburg startet 2016 Markus Trabusch als neuer Intendant und muss gleich die Sanierung des Theatergebäudes schultern; auch darauf werden wir im kommenden Jahr ohnehin noch einzugehen haben.

Theater als Erinnerung an die Zukunft

Wir können also auf den folgenden Seiten bei Weitem nicht ganz Franken präsentieren, sondern nur Beispiele dafür, wie das Zusammenspiel von Theater und Region eigene kulturelle Physiognomien herausgebildet hat: das Theatertrio Bamberg, Hof und Coburg in Oberfranken; Ansbach und Dinkelsbühl in Westmittelfranken und die Metropolregion Nürnberg – Fürth – Erlangen. Wir haben hier Theater gefunden, die im Zusammenwirken mit Städten, deren pittoreske Architektur eine vielhundertjährige Geschichte bezeugt, ihr unverwechselbares Gepräge entwickelt haben. Wo die Erinnerung an die Vergangenheit in den spitzgiebligen Fachwerkhäusern, hochragenden Kirchen und trutzigen Stadtmauern allgegenwärtig ist, da ist es oft vor allem das Theater, das die Erinnerung an die Zukunft wachhält. Und dieser Zusammenklang wäre doch nicht der schlechteste Weg, um die Gegenwart lebendig zu halten, oder?

Über den Autor

Detlef Brandenburg ist Chefredakteur der Deutschen Bühne