"Die Möglichkeit einer Insel" am Theater Dortmund

"Die Möglichkeit einer Insel" am Theater Dortmund

© Foto: Birgit Hupfeld
Leseprobe

Geht Theater auch digital?

von Detlef Brandenburg

Digitales mag die Welt, wie wir sie kennen, bedrohen; doch das Theater kann mit dieser Herausforderung auch produktiv umgehen. Das Schauspiel Dortmund ist in der ästhetischen Reflexion digitaler Welten führend. Dieses Bild zeigt eine Szene aus „Die Möglichkeit einer Insel“ an diesem Theater.


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Pixel haben keine Seele

Vorspiel im wirklichen Leben
Beginnen wir da, wo das wirkliche Leben unlängst ein ziemlich unappetitliches Drama zum Besten gegeben hat. Beginnen wir mit der Edathy-Affäre. Da hat also ein prominenter Politiker Gefallen an nackten Knaben gefunden. Das ist nach Auffassung unserer zivilisierten Gesellschaft, wie legal oder illegal auch immer, jedenfalls moralisch verwerflich. Und man darf annehmen, dass Sebastian Edathy diese Verwerflichkeit bewusst war. Zuvor war dieser Politiker durchaus gut beleumundet. Im NSU-Untersuchungsausschuss attestierte man ihm engagierte und kompetente Arbeit, er galt als Talent der SPD, empfohlen für höhere Ämter. Man fragt sich, ob nicht ein Mann wie er ein Sensorium dafür haben müsste, was er sich selbst gestatten und seinen Mitmenschen antun sollte und was nicht – ein Sensorium, das man früher etwas altmodisch „ein Gewissen“ nannte, und das dem Menschen half, böse Wünsche, wie sie fast jeder irgendwo in einem Winkel seines Herzens verbirgt, so im Zaum zu halten, dass er damit weder andere noch sich selbst schädigt.

Sebastian Edathy ist ja kein verdrückter Spanner, der in asozialer Lebenseinsamkeit perversen Wünschen frönt. Er war gut vernetzt, eng sozialisiert. Was konnte einen wie ihn so enthemmen? War es vielleicht auch der Umstand, dass das Material zur Befriedigung seiner Begierde so leicht verfügbar war? „Mate­rial“ – allein der Begriff ist ja verräterisch. Anders als die in letzter Zeit auf ähnlich perverse Weise prominent gewordenen katholischen Geistlichen musste sich Edathy seinen geliebten Knaben ja gar nicht leibhaftig nähern. Er musste ihnen nicht in ihre lebendigen Augen schauen und konnte vielleicht auch deshalb seine eigenen Augen so leicht verschließen vor ihrer Verstörung, ihrem Leid, ihrer Angst. Das Material war da, aufbereitet von Helfershelfern, vermutlich weit skrupelloser als Edathy selbst, in Form per Netz verfügbarer Pixel. Pixel haben keine Seele, die man verletzen könnte, und keine Aura, vor der man Skrupel bekommen könnte. Man benutzt sie einfach.

Der Shitstorm: Hexenjagd unserer Tage
Wäre dem Abgeordneten Edathy die Abscheulichkeit seiner Absichten eher zu Bewusstsein gekommen, wenn er sie in leibhaftiger Konfrontation mit seinen Opfern hätte ausleben müssen? Man möchte das hoffen, auch für ihn. Genauso, wie man all den Selbstgerechten ein bisschen mehr Empathie wünschen möchte, die seither in Foren und Kommentaren über Edathy hergefallen sind, ohne auch nur im Mindesten darüber informiert zu sein, was er wirklich getan, auf was er wirklich geschaut hat. Auch das ist eine Errungenschaft der digitalen Kommunikation: der Shitstorm, den der angeblich so intelligente digitale Schwarm über jeden auskippt, der der Internet-Öffentlichkeit in unliebsamer Weise auffällt. Auch hier sorgt die digitale Vermittlung dafür, dass Faktoren von Einfühlsamkeit und Mitgefühl auf ein Minimum herabgedimmt werden. Die „Netzgemeinde“ kennt keine Gnade für Häretiker. Der Shitstorm ist die Hexenjagd unserer Tage.

Der Smiley als Krücke des Nonverbalen
Hier wie dort zeigt sich ein fundamentales Defizit digitaler Kommunikation: der Mangel an jener Authentizität und Aura, die nur das medial unvermittelte Miteinander von Menschen im selben Raum gewährleisten kann. Der Mangel ist strukturbedingt. Deshalb zeigt er sich überall: nicht nur dort, wo Menschen einander beschimpfen oder skrupellos ausnutzen, sondern auch da, wo sie einander in digitaler Vermittlung Sympathie, Freude oder Liebe bekunden. Solche emotionalen Botschaften werden im Netz teils bis zur Karikatur normiert: durch Smileys als Krücken der nonverbalen Kommunikation, durch die floskelhaften Komplimente, mit denen Teenager-Mädel das neueste Profilbild einer „Freundin“ anschwärmen, durch die coolen Abkürzungsformeln der Jungs, die selbst eine so spontane und persönliche Reaktion wie das herzhafte Lachen durch ein steriles „LOL“ kommunizieren, durch die typisierten Profile, die das „Dating“ offenbar so erfolgsversprechend machen, die die potenziellen Partner aber auch bis zur Unkenntlichkeit maskieren. Das Netz macht die „Vernetzung“ mit anderen auch deshalb so leicht, weil es die ganze schillernde Vielfalt des Persönlichen auf normierte Avatare herunterbricht. Auf eine digitale Selbstinszenierung, deren Kommunikationsvokabular den Teilnehmern durch das Medium vorgegeben wird.

Das ist natürlich nicht die „Schuld“ des Digitalen. Das digitale Netz ist nichts als ein technisches Medium zur Distribution von Daten mit einer bislang beispiellosen Leistungsfähigkeit und Reichweite. Es ist als „Technik“ genau so verantwortungs- oder schuldunfähig wie der Verbrennungsmotor, das Fließband oder die Kernspaltung. Die Verantwortung bleibt hier wie dort beim User: bei Edathy, den Shitstormern oder den Dating-Junkies. Aber man spürt sie im Netz nicht so unmittelbar wie im wirklichen Leben. Denn hier wird ein Kommunikationskanal ausgetrocknet, der in unserer technoiden Welt ohnehin zunehmend an Aufmerksamkeit verliert: die leibhaftige Kommunikation, die den „Informationsaustausch“ zwischen Menschen so rätselhaft bereichert, weil ich spüre, sehe, rieche, am Klang der Stimme höre, wie der andere präsent ist und wie er auf mich reagiert. Das kann eine Begegnung auf ungeahnte Weise stimulieren oder stören. Aber genau dieses Ungeahnte soll durch die digitale Vernetzung ausgeschaltet werden, damit die Reichweite ungestört größer werden kann.

Das Medium hat die Macht über die Inhalte
Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der Anlass zum Nachdenken über die Herrlichkeiten der digitalen Welt gibt. Die digitalen Datenströme sammeln sich in extrem mächtigen Distributionsportalen. Die sind vor allem deshalb so mächtig, weil man hier mit wenig materiellem Aufwand und wenig Arbeitskraft unglaubliche Reichweiten und Datendichten generieren kann. Wer hier die Macht über das Medium hat, der hat auch die Macht über die Inhalte – was jeder nachvollziehen kann, dessen Seite schon mal aus undurchschaubaren Gründen im Google-Ranking nach unten gepurzelt ist. Und wer mit diesen Inhalten Geschäfte macht, der wird vor allem die Inhalte pushen, die bei einer breiten Masse von Adressaten Erfolg hat. In dieser Hinsicht ist die digitale Kommunikation erstaunlich janusköpfig: Der geringe Distributionsaufwand fördert auf der einen Seite die Nischenbildung – irgendwo gibt es auch für die verschrobensten Interessen noch ein Forum, auf dem die Verschrobenen unter sich sind. Auf der anderen Seite sorgt das Netz dafür, dass der Mainstream immer breiter wird.

Und schließlich ein Drittes: Die leichte Verfügbarkeit digitaler Kommunikationstechnik für jedermann hat zu einer exponentiellen Beschleunigung, Verdichtung und Diversifikation der Kommunikation geführt. Im sozialen Netzwerk ist jeder ein Performer seiner selbst, sein eigener Promoter und Reporter, vernetzt mit Hunderten von Freunden auf der ganzen Welt, auf deren Postings er Tag und Nacht zeitnah reagiert. Tut er das nicht, sinkt er sofort im medialen Ranking und gefährdet damit sein digitales Image. Diese Hektik tendiert eher zur Extensität als zur Intensität. Die digitale Kommunikation ist eine Welt der normierten, kurz getakteten Schnelllebigkeit.

Der Performer ist ein schlechter Zuschauer
Es geht hier nicht darum, diese Form der Kommunikation zu diskreditieren. Aber es gibt Anlass, zu fragen, ob wir nicht alternative Kommunikationsformen brauchen, die erstens deren Defizite ausgleichen und uns zweitens helfen können, die zunehmende Dominanz des Digitalen kritisch zu relativieren. Das Verhältnis des Theaters zu den digitalen Medien – von Facebook über WhatsApp und Twitter bis hin zu YouTube und dem Streaming von Theater und Musik – sollte vor dem Hintergrund solcher grundsätzlichen Fragen diskutiert werden. Denn per se lebt gerade das Theater, mehr als andere Kunstgattungen wie die bildende Kunst, das Kino oder das Fernsehen, davon, dass Menschen einander leibhaftig im selben Raum begegnen. Also davon, dass man als Zuschauer spürt, wie die anderen Zuschauer reagieren; davon, dass man spürt, wie dem Schauspieler, dem Sänger, dem Tänzer zumute ist; dass man spürt: Es steht was auf dem Spiel, kann was schiefgehen, es bleibt ein Abenteuer. Und Theater lebt auch davon, dass man sich einem szenischen Erleben unmittelbar und auf eine bestimmte Zeit, die einem im Vergleich zum Kurztakt des Netzes ziemlich lang vorkommen kann, fokussiert hingibt.

Diese unvermittelte gegenseitige Hingabe, die auch das Aushalten eines Konflikts, einer Irritation, ja, des Ärgers und des Abscheus mit einschließt, ohne dass man gleich wieder in die Ablenkung durch Umschalten auf einen anderen Kanal flieht – diese Hingabe ist heute kostbar geworden. Es gibt gute Gründe, die Räume, in denen diese Hingabe noch gepflegt wird, zu schützen. Insofern war es für den Kollegen, der an unserem Versuch einer WhatsApp-Kritik direkt aus einer Vorstellung teilnahm, zwar sicherlich eine etwas überrumpelnde Erfahrung, als er von einem verärgerten Zuschauer ein Programmheft an den Kopf geworfen bekam (siehe Seite 60). Aber vielleicht hatte der Zuschauer ja sogar recht, auf seine Weise? Und vielleicht müssen wir uns eingestehen, dass wir mit unserem Versuch falschlagen?

Einerseits
Andererseits kann gerade die flüchtige und in sich so vieldimensionale Theaterkunst vom Digitalen profitieren wie wenige andere Kunstformen. Noch nie in der Geschichte des Theaters war es so leicht, eine Theaterproduktion zu konservieren und denjenigen zugänglich zu machen, die nicht die Möglichkeit haben, unmittelbar teilzunehmen. Das einst so immobile Theatererlebnis wird damit transportabel – hin zu den Foren des Public Viewing, in die Kinos, auf den heimischen Computer oder Fernsehschirm. Allerdings um den Preis, dass vor das Medium Thea­ter ein weiteres Medium tritt. Die Inszenierung eines Textes oder die Realisation einer Performance wird mit den Mitteln des Videos ein weiteres Mal inszeniert. Und diese „dritte Schöpfung“, wie Axel Brüggemann es in seinem Beitrag über das Live-Streaming der Bayreuther Festspiel-Aufführungen nennt (Seite 46), tritt zwischen die Zuschauer und das Kunstwerk.

Das Theater wird transportabel
Aber nicht nur das Theaterkunstwerk selbst kann auf diese Weise vermittelt werden. Hinter dem Theaterkunstwerk steht ja ein komplizierter Prozess der Entstehung, in dem unterschiedlichste Individuen, Kollektive, Techniken und Kompetenzen zusammenwirken. Dieser hochkomplexe Prozess des Making of kann mithilfe der digitalen Aufzeichnung ideal transparent gemacht werden – authentischer als durch jede per Text vermittelte Probenreportage und jede Fotostrecke. Und natürlich lässt sich via Facebook, Twitter oder Kommentar-Thread bei nachtkritik.de der Diskussionszirkel über eine Inszenierung weltweit vergrößern. Kein Pausengespräch reicht so weit und kein Premierenfeierdiskurs.

Und schließlich: Das Theater hatte schon immer einen Mordsappetit auf neue mediale Potenziale – und einen großen Magen. Was immer Handwerk, Technik oder das Mediendesign an Innovationen hervorbrachten, von der Hängesoffitte und dem Handkonterzug über die elektrische Beleuchtung bis hin zum Film und zur virtuellen Animation: Das Theater hat es geschluckt und in der Regel auch bestens verdaut. Das gilt auch für die immensen Möglichkeiten digital erzeugter Illusionen, die nicht nur die Theaterästhetik, sondern auch die Zuschauerkommunikation exponentiell bereichern und beschleunigen können – am Beispiel des Schauspiels Dortmund kann man sich davon überzeugen (Seite 43).

No risk, no fun
Vor diesem Hintergrund stellen die digitalen Medien für das Theater eine enorme Herausforderung dar. Sie haben unabsehbare Potenziale. Und mit diesen Potenzialen entstehen ebenso unabsehbare Risiken. Es wäre borniert und zukunftsfeindlich, diese Potenziale aus Angst vor den Risiken nicht zu nutzen. No risk, no fun. Aber es wäre ebenso borniert und trendversessen, sich dabei nicht kritisch zu hinterfragen. Im Moment spricht manches dafür, dass das Theater Grund hat, seinen essenziellen Kern des unmittelbaren menschlichen Miteinanders ein Stück weit vor den unbegrenzten Möglichkeiten des weltweiten Netzes zu schützen. Unser Schwerpunkt will dieses zwischen Verführung und Risiko so faszinierend schillernde Spektrum ausloten.

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  • Total digital, radikal theatral: Die virtuelle Ästhetik am Schauspiel Dortmund
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  • Theaterstörung: Die Bloggerin Bianca Praetorius und der Kritiker Reinhard Wengierek über Twitter im Theater
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