Szene aus „Fake and Error“ mit Georg Gädker und Siri Karoline Thornhill

Szene aus „Fake and Error“ mit Georg Gädker und Siri Karoline Thornhill

© Foto: Sebastian Düsenberg
Leseprobe

Die "Opera Factory" in Freiburg

von Georg Rudiger

Die „Opera Factory Freiburg“ produziert ohne feste Spielstätte Musiktheater und Kammeroper jenseits des üblichen Repertoirezwangs: von Erich Wolfgang Korngold bis Claude Vivier. Unser Fundstück über ein außergewöhnliches, mehrfach preisgekröntes Projekt

Noch zehn Tage bis zur Premiere. In der Probe für die deutsche Erstaufführung von Luke Bedfords Kammeroper „Through His Teeth“ feilt man an musikalischen Übergängen und szenischen Details. In der May-Bellinghausen-Halle im Freiburger Stadtteil Haslach, die die Opera Factory Freiburg für die Probenphase gemietet hat, stehen den freien Musiktheatermachern eine Bühne und ein Klavier zur Verfügung. Nach dem Durchlauf einer Szene meldet sich Dirigent Klaus Simon mit kleinen Korrekturen, ehe Regisseur Hendrik Müller zu den Solisten geht. „Da muss mehr Künstlichkeit rein“, sagt er zu Siri Karoline Thornhill. „Dieser Mann ist dein rosaroter Mädchentraum“, erklärt Müller und geht vor Georg Gädker mit schmachtendem Blick zu Boden.

Der Berliner Regisseur hat mit der Opera Factory Freiburg bereits Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die Stumme Serenade“ und Claude Viviers Operá-rituel de mort „Kopernikus“ inszeniert, deren CD-Aufnahme mit dem Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik und ganz aktuell mit dem International Classical Music Award ausgezeichnet wurde. Die aktuelle Produktion trägt den Titel „Fake and Error“ und verbindet Luke Bedfords Kammeroper mit Claudio Monteverdis szenischem Madrigal „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda“.

Die Opera Factory Freiburg sucht sich die Nischen des Musiktheaterbetriebs. Uraufführungen sind selten, Zweit- oder Dritt­aufführungen häufiger. Ist ein Stück für eine abendfüllende Produktion zu kurz, wird es mit einem anderen kombiniert, was wie bei „Fake and Error“ zu interessanten Konstellationen führen kann. Schon aus Kostengründen stehen bei der Auswahl Kammeropern im Mittelpunkt. Klaus Simon ist der Kopf und das Herz dieser freien Oper, die kein festes Ensemble und keine feste Spielstätte hat. Für jede Produktion findet ein neues Casting statt. Auch Räume zum Proben und für die Aufführungen müssen stets neu gemietet werden. Das kann Energie kosten und müde machen, aber auch verkrustete Strukturen im Theaterbetrieb aufbrechen. Es ist jedenfalls viel Idealismus im Spiel bei den Freiburger Theatermachern. Und nicht immer wird die Sisyphusarbeit mit großer Resonanz beim Publikum belohnt.

Für Regisseur Hendrik Müller ist die Opera Factory Freiburg etwas ganz Besonderes im Opernbetrieb. „Bei ‚Fake and Error‘ haben wir vier Wochen Probezeit für eineinhalb Stunden Musik – ein echter Luxus. Da kann man sehr ins Detail gehen.“ Müller hat schon an großen Häusern gearbeitet. Am 19. März 2017 ist Premiere seines „Rigoletto“ an der Frankfurter Oper. Am freien Freiburger Ensemble schätzt er die Flexibilität und den Mut zum Risiko, was an einem großen Haus oft nicht gegeben ist. Mit der ebenfalls von Klaus Simon gegründeten Holst-Sinfonietta steht für die Opernproduktionen ein eingespieltes Instrumentalensemble zur Verfügung, das bis zum kleinen Kammerorchester vergrößert werden kann.

Die Geburtsstunde der „Young Opera Company“, wie Simon zunächst sein Projekt taufte, schlug am 9. Juli 1993 in der Reithalle des Ebneter Schlosses mit einer Aufführung von Gustav Holsts Oper „Savitri“ in der Regie von Benito Gutmacher. „Das war aus einer Rotweinlaune heraus – gemeinsam mit meinem Schulmusik-Studienkollegen Rolf Herter. Ich hatte damals eine Gustav-Holst-Entdeckungsphase. Wir haben das Stück mit Kollegen von der Freiburger Musikhochschule auf die Bühne gebracht.“ Die Vorliebe für englische Musik äußerte sich auch in den Folgepremieren „The Rape of Lucretia“ von Benjamin Britten und „The Bear“ von William Walton. Mit Joseph Haydns „Die Welt auf dem Mond“ 1999 stand die erste nichtenglische Oper auf dem Programm. Größter Erfolg der Opera Factory Freiburg, wie die Operntruppe nun seit ein paar Jahren heißt, war sicherlich die exzeptionelle Aufführung von John Adams’ Songplay „I was looking at the ceiling and then I saw the sky“, die bei Naxos auf CD erschien. Aber auch Produktionen wie Anno Schreiers „Kein Ort. Nirgends“, Elena Kats-Chernins „Iphis“ oder die Kombination von Maurice Ravels „L’heure espagnole“ mit Gustav Holsts „The Wandering Scholar“ setzten Akzente in der Opernszene.

Finanziell lebt das freie Musiktheater nach wie vor von der Hand in den Mund. Die 15000 Euro, die inzwischen jedes Jahr als institutionelle Förderung von der Stadt Freiburg überwiesen werden, decken nur das Notwendigste ab. Umso erstaunlicher, dass der Opera Factory Freiburg immer wieder spannende, qualitativ erstklassige Projekte gelingen. Dazu gehört auch die jüngste Produktion „Fake and Error“. Hier („Through His Teeth“) ein Autohändler, der mit Lügengeschichten Frauen verführt und finanziell ausnimmt; dort („Il combattimento“) der Kreuzfahrer, der erst im Sterben seines Gegners auf dem Schlachtfeld merkt, dass er gerade seine Geliebte getötet hat. Knapp 400 Jahre Musikgeschichte liegen zwischen den beiden Werken. Dirigent Klaus Simon hat die Instrumentalbesetzung von Bedford in seinem sensiblen Arrangement auf Monteverdi übertragen und nur die Klarinette von einer zweiten Violine ersetzen lassen. Bedfords Partitur, die von der Holst-Sinfonietta so präzise wie farbig umgesetzt wird, steht ganz im Dienst des dramatischen Geschehens. Spannendes Musiktheater, das berührt und zum Nachdenken anregt.

OPERA FACTORY FREIBURG

Die Opera Factory Freiburg (vormals: Young Opera Company) ist ein Theaterunternehmen, das Musiktheater und Kammer­opern ohne feste eigene Spielstätte produziert. Die projekt­weise Zusammenarbeit mit jungen und erfahrenen Künstlern soll auf die jeweiligen Anforderungen der Stücke reagieren sowie ein Forum für internationale Talente bieten. Die Opera Factory wird von der Stadt Freiburg institutionell gefördert und erhält seit 2013 eine konzeptionelle Förderung vom Landesverband Freier Theater Baden-Württemberg. Klaus Simon ist Gründer und Künstlerischer Leiter.