Das Ensemble von "Next Generation - das Stück" von Nuran David Calis und Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet.

Das Ensemble von "Next Generation - das Stück" von Nuran David Calis und Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet.

© Foto: Diana Küster
Leseprobe

Freies Stadttheater

LEP: Freies Stadttheater – Schwerpunkt in Heft 4/2011

Seit Jahren befinden sich die Stadttheater in einem Reformprozess: Es gibt neue Produktionsformen, Kooperationen mit der freien Szene und neue ästhetische Formate. Die April-Ausgabe der Deutschen Bühne schaut auf die Hassliebe zwischen Stadttheater und Freier Szene.


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Plakative Gründe, gegen das klassische Stadttheater und für freiere Produktionsformen zu sein, finden sich leicht. Die Argumente im derzeit hippen Diskurs scheinen so klar wie die Antagonismen, aus denen sie sich ergeben: Hier die langsamen und verkrusteten Strukturen der Stadttheater, die nur die Reproduktion des Immer Gleichen zulassen und also schon in ihrer Anlage grundkonservativ sind. Dort moderne und flexible Produktionsweisen der freien Szene, die nach neuen Formen sucht und ohne Ballast schnell und innovativ agieren kann. Üppige Budgettöpfe und sättigende, fürstliche Gehälter durch den lebenserhaltenden Tropf der öffentlichen Förderung auf der einen, prekäre Arbeitsverhältnisse und ökonomische Selbstausbeutung, aber dafür künstlerische Unabhängigkeit auf der anderen Seite. Ein überaltertes und homogen bürgerliches Publikum, das jeden Versuch, aus der ewigen Wiederholung des bekannten Repertoires auszubrechen, gnadenlos an der Kasse abstraft, gegen ein junges und aufgeschlossenes Szenepublikum, das es aufgrund der permanenten Reflexion der eigenen Lebensrealität ins Theater beziehungsweise in theaterferne Spielstätten zieht. Und das sich selbstredend nur durch Qualität und Radikalität beeindrucken lässt. Hier die großen Tanker, die gar nicht angemessen auf Wirklichkeit reagieren können, weil schon der Bremsweg viel zu lang ist– von anschließender Beschleunigung gar nicht zu reden. Dort die wendigen Schnellboote, die immer als Erste vor Ort sind, wenn es gilt, der nächsten Strömung und dem nächsten Lebensereignis theatral zu begegnen. Oder besser noch: schon vorausahnend agieren und das Ereignis überhaupt erst setzen und so selbst Ereignis werden. Geschlossen, sowohl räumlich als auch systemisch, gegen offen in jeder Hinsicht. Veraltet gegen gesellschaftlich angemessen. Langweilig neben aufregend. Schlecht gegen gut.

Klingt einfach und ist es auf den ersten Blick auch schon deshalb, weil sich in der Fülle theatraler Produktionen aus der eigenen Seherfahrung natürlich zahllose Belege für die Richtigkeit oben angeführter Gegenüberstellung finden lassen. Welcher Theatergänger wüsste nicht von einer unfassbar öden, aber vermeintlich modernen Inszenierung eines x-beliebigen Klassikers in jedem mittelgroßen oder großen Stadttheater der Republik (einschließlich dem eigenen) zu berichten? Und wer kennt nicht das Glücksgefühl, abseits der großen Häuser etwas zu entdecken, das überraschend, intelligent und so absolut von heute ist, wie man es sich wünscht?

Die Einfachheit der Gegenüberstellung ist verführerisch, aber natürlich zu simpel und deshalb falsch. Nicht nur, weil sich dummerweise genauso schnell und undifferenziert Gegenbeispiele finden lassen: für schrecklich unerhebliche und dilettantische Versuche freier Produktionen, originell zu sein, ebenso wie für kraftvolle und beeindruckende Stadttheaterarbeiten mit tollen Schauspielern, die von der unglaublichen Leistungsfähigkeit der großen Häuser zeugen. Zu simpel und falsch vor allem aus dreierlei Gründen:

Das Mantra der Stunde: Öffnung

Erstens, weil die polemische Aneinanderreihung vermeintlicher Zustandsbeschreibungen längst nicht mehr den in den meisten Häusern tatsächlich herrschenden Haltungen und Arbeitsweisen entspricht. Während sich das Vorurteil von den luxuriösen und zugleich völlig unbeweglichen Strukturen hartnäckig hält, hat in den Häusern selbst seit Jahren eine permanente Überprüfung und Verschlankung des Apparates stattgefunden. Zum einen aufgrund eines ökonomischen Drucks. Nirgendwo wurde im Kulturbereich in der jüngsten Vergangenheit soviel herausgespart wie aus der Förderung der Stadttheater. Sei es direkt durch unmittelbare Zuschusskürzungen der Träger oder indirekt durch nicht aufgefangene Tariferhöhungen, die bei steigenden Löhnen einer faktischen, durch die Menge der Mitarbeiter teilweise dramatischen Budgetkürzung gleichkommen. Längst sind die Strukturen verkleinert und die Theater zu hocheffizienten und durchaus schnell reagierenden Produktionsorten getrimmt worden. Teilweise so weit, dass eine neue Unbeweglichkeit nicht aus dem sich selbst hemmenden Überfluss, sondern aus dem Mangel heraus zu entstehen droht. Dennoch: Richtig genutzt, können die großen Häuser mit ihrem Know-how und ihrer technischen Leistungsfähigkeit Bedingungen ermöglichen, die kaum eine freie Gruppe je erreichen kann.
Zum anderen haben sich die Strukturen aber nicht nur durch den Kostendruck, sondern inhaltlich vor allem durch die Haltung der in den Stadttheatern arbeitenden Akteure verändert, seien es die Intendanten, Regisseure oder auch die Dramaturgen, von denen viele nicht mehr ausschließlich auf eine gradlinige Stadttheaterkarriere zurückblicken. Die Stadttheater sind längst keine „closed shops“ mehr, wie ihnen gerne nachgesagt wird. Stattdessen ist „Öffnung“ das Mantra der Stunde. Öffnung zur Stadt hin, Öffnung zu neuen Publikumsschichten, Öffnung zu neuen Formen und Produktionsweisen, Öffnung hin zur Internationalität und Interkulturalität. Die stehenden Ensembles– deren Größe im Übrigen auch permanent schrumpft– werden ergänzt durch Gäste und Spezialisten für einzelne Produktionen und Projekte. Längst wird nicht mehr ausschließlich im traditionellen Stücktext-Proben-Repertoire-Premiere-Rhythmus gearbeitet. Stattdessen entstehen neue, oft kleine, zunehmend aber auch größere Formate auch in veränderten Bühnensituationen, die weit über die Alibi-Nische des Experiments hinausgehen.

Expandierende Schnittmengen, fließende Grenzen

Das führt dazu, dass obige scheinbar argumentative Gegenüberstellung zweitens schon deshalb nicht aufgeht, weil der unterstellte grundsätzliche Antagonismus längst nicht mehr stimmt. Selten waren die Begegnungen, Anknüpfungspunkte und Schnittmengen zwischen Stadttheater und freier Szene so groß wie zur Zeit. Allerorten lassen sich Beispiele für Kooperationen und Koproduktionen finden. Sei es auf institutioneller Ebene in der Zusammenarbeit zwischen städtischen Bühnen und festen freien Gruppen oder durch das Einbinden einzelner Künstler oder Kollektive aus der freien Szene in das Programm der Stadttheater. Für viele von ihnen ist die Grenze zwischen Stadttheater und Off-Produktionen fließend geworden. Künstler wie die Regisseurin und Impulse-Gewinnerin Monika Gintersdorfer und ihr Partner Knut Klaßen bewegen sich selbstverständlich in beiden Bereichen. Sie stellen sich Produktionsbedingungen und Team für jede Arbeit neu zusammen und profitieren so von den Möglichkeiten des Stadttheaters, ohne die Unabhängigkeit der freien Produktion aufzugeben. Ihre Arbeiten entstehen sowohl auf Kampnagel in Hamburg, dem Düsseldorfer FFT, dem Ringlokschuppen in Mülheim als auch am Deutschen Theater in Berlin oder dem Schauspielhaus Bochum. Sie reisen dabei mit ihrer deutsch-ivorischen Kerntruppe und ergänzen sie– entweder durch freie Schauspieler oder eben durch Schauspieler der jeweiligen Stadttheaterensembles. Am Ergebnis lässt sich in ästhetischer oder künstlerischer Hinsicht kaum noch ablesen, ob die Arbeit am Stadttheater oder frei entstanden ist. Die „Marke“ Gintersdorfer/Klaßen bleibt in den verschiedenen Konstellationen gleichermaßen kenntlich. Andere Regisseure und Künstlerkollektive arbeiten in wechselnden Konstellationen mit leichten Unterschieden in Ästhetik und Grundhaltung letztendlich ähnlich: Rimini Protokoll, Hoffmann & Lindholm, selbst René Pollesch ist mit seinem Antirepräsentationstheater stadttheaterkompatibel. Freie Produktion im Stadttheater ist also möglich. Was nicht verdecken soll, dass es daneben natürlich nach wie vor an – auch finanziell – gut ausgestatteten Produktionsstätten für freie Arbeiten jenseits des Stadttheaterkontextes fehlt.

Noch stärker aufgelöst wird der Antagonismus zwischen Stadttheater und freier Szene auf der Ebene internationaler Kooperationen. Mehr noch, hier werden die öffentlich geförderten Häuser richtig stark, weil sie Kräfte bündeln und dabei die eigene Identität behalten und stärken können: Wer, wenn nicht die großen Häuser, könnte die Begegnung gemischter internationaler Ensembles im größeren Stil ermöglichen? Nicht erst seit dem Fonds Wanderlust der Kulturstiftung des Bundes, der Austausch und Zusammenarbeit deutscher Ensembles und ausländischer Compagnien klug fördert, entdecken viele Theater solche Kooperationen als Weg nicht nur zur Selbsterneuerung, sondern auch zur künstlerischen Weiterentwicklung und vor allem als gegenwartsbezogene Produktionsform, mit der sie auf eine Welt reagieren, die nicht mehr ausschließlich in nationalen Grenzen und engen Kulturbegriffen zu denken, sondern vor allem durch die Verbindung unterschiedlicher Perspektiven zu beschreiben ist.

In Bochum entstanden so in der laufenden Spielzeit unter anderem zentrale Arbeiten mit dem niederländischen Regisseur Paul Koek und Schauspielern und Musikern seiner Leidener Veenfabriek sowie mit dem tunesischen Regisseur Fadhel Jaibi oder Jan Klata aus Polen, die alle mit dem Bochumer Ensemble arbeiten. In anderen Städten an anderen Theatern passiert Ähnliches. Größtes Hindernis der Arbeit sind dabei meist nicht die unterschiedlichen ästhetischen, künstlerischen oder schauspielerischen Ansätze. Hier führen Gegensätze immer zu produktiver Reibung, einer Erweiterung von Perspektiven und im besten Fall zu einem künstlerischen Ergebnis, in dem beide Partner weiter gehen, als sie es in ihrer bisherigen Arbeit getan haben. Doch erst, wenn eine tatsächliche Verbindung mit der eigenen Struktur und vor allem mit dem eigenen Ensemble gelingt – sei es, weil ein von außen kommender Regisseur mit dem deutschen Ensemble arbeitet oder weil sich die Ensembles in einer gemeinsamen Arbeit tatsächlich mischen –, schaffen solche Arbeiten am Stadttheater Identität. Gelingt eine solche Verbindung nicht, bleiben diese internationalen Produktionen fremd am eigenen Haus und sind nicht viel mehr als selbstproduzierte Gastspieleinladungen.

Zukunftssuche im Zentrum der Stadt

Der dritte, entscheidende Fehler in der Eingangsgegenüberstellung liegt jedoch darin, dass sie völlig die Frage nach Rolle und Aufgabe des Stadttheaters vernachlässigt, und zwar nicht in Bezug auf sein Verhältnis zu anderen Theater- und Produktionsformen, sondern in Bezug auf sein Verhältnis zum Ort, an dem es sich befindet und dem es seinen Namen verdankt: zur Stadt. Sieht man mal von den Metropolzentren wie Berlin und vielleicht noch Hamburg oder München ab, sind die Stadttheater in der Regel kulturelle Grundversorger in den Städten. Was aber heißt das in Zeiten, in denen es um den Zustand der Städte und des städtischen Lebens nicht gut bestellt ist? Den Stadttheatern kommen in Zeiten klammer kommunaler Kassen bei gleichzeitiger rasanter demographischer Veränderung der Stadtgesellschaft ganz andere Aufgaben zu, als abends zwischen halb acht und elf für den Repertoirebetrieb zu öffnen. Stadttheater müssen Zentrum sein. Nicht nur räumlich, sondern auch im Rahmen eines Diskurses über die Stadtgesellschaft und ihre Zukunft. Sie müssen sich öffnen, aber nicht aus der defizitären Not heraus, neue Publikumsschichten für den alten Betrieb zu gewinnen, sondern aus einer Lust heraus, sich einzumischen und Verbindungen herzustellen. Zwischen den verschiedenen Milieus einer Stadt, den unterschiedlichen Disziplinen von Kultur und Stadtplanung und ja, auch zwischen unterschiedlichen künstlerischen Formen. Sie können und müssen der Ort sein, an dem sich die Bewohner einer Stadt begegnen. Und zwar alle Bewohner. Als Motor für Stadtentwicklung kann ihnen so eine Rolle zukommen, deren Kraft gerade von den Kommunen als Träger der großen Häuser immer noch unterschätzt wird.

In Köln haben die Bürger der Stadt per Bürgerentscheid gezeigt, welche Bedeutung sie ihrem Theater und auch seinem Ort und seiner Funktion in der Stadt beimessen. Das Theater ist wieder Stadtgespräch. Dresden hat eine Bürgerbühne, in Freiburg stellen Barbara Mundel und ihr Team erfolgreich nicht nur die Frage nach der Zukunft des Stadttheaters in einer interkulturellen Gesellschaft, sondern damit verbunden auch nach der Zukunft der Stadt selbst. Natürlich öffentlich und unter Beteiligung der Freiburger. In Bochum, um Beispiele aus der eigenen Arbeit zu nennen, hat das Theater mit dem Kulturhauptstadtprojekt „Next Generation“ nicht nur die eigene Stadt bespielt, sondern ein Jahr lang das ganze Ruhrgebiet. In Zukunftshäusern in Duisburg, Herne, Essen und Bochum haben fast 800 Jugendliche in ihren Stadtteilen gearbeitet und dort ihre Vorstellungen von Zukunft entworfen, mit zum Teil beeindruckenden Ergebnissen. Begleitet von einem permanenten Diskurs über die Zukunft des Ruhrgebiets und die Frage nach dem Zusammenleben der Menschen in der Region und einer verbindenden Arbeit von Nuran David Calis, der ein Jahr lang mit Jugendlichen aus allen Häusern ein Projekt für die Bühne des Schauspielhauses erarbeitet hat. „Next Generation“ war so mehr als eine Ansammlung milieuspezifischer Stadtteilprojekte, sondern tatsächlich eine gemeinsame Zukunftssuche im Zentrum der Stadt und der Arbeit des Theaters.

Immer also geht es um Beteiligung und um das Herstellen von Verbindungen, aus denen neue Formen und Arbeitsweisen entstehen, die zugleich zutiefst in der Stadt verwurzelt sind. Und es geht um die Frage: Wie sieht der Ort aus, an dem wir leben, und wie soll der Ort aussehen, an dem wir in Zukunft leben wollen? Und, kann man hinzufügen, welche künstlerischen Strategien und Ausdrucksformen braucht es für die Gestaltung von Zukunft? Es geht also um einen Diskurs, den in der Breite zu führen die Stadttheater gerade wegen ihrer Größe und ihrer zentralen Funktion in der Stadt prädestiniert sind. In Bochum hat das Schauspielhaus gerade gemeinsam mit dem Land NRW und der Stiftung Mercator die Zukunftsakademie NRW gegründet, die genau das herausfinden soll. Indem sie einerseits die Akteure der Städte, die sich mit Zukunft und der Frage nach der Stadt im demographischen Wandel beschäftigen, an einen Tisch bringt: Stadtplaner, Künstler, die Universitäten, Ökonomen, Soziologen und andere. Und indem sie zum Machen und Ausprobieren einlädt. Junge Stadtbewohner vor allem, aber auch die Künstler der verschiedenen Sparten. Egal ob städtisch oder frei. Wenn alles gut geht, wird diese Akademie auch mit Hilfe des Theaters die Stadt verändern. Und das Theater sowieso.

Die Zukunft, die manche Polemik dem Stadttheater so gerne absprechen will, hat also schon längst begonnen.

Über den Autor

Thomas Laue ist seit der Spielzeit 2010/2011 Chefdramaturg am Schauspielhaus in Bochum. Von 2000 bis 2005 war er Dramaturg am Schauspiel Hannover, anschließend bis 2010 Chefdramaturg am Schauspiel Essen. Seit 2006 ist Thomas Laue zudem Lehrbeauftragter für Dramaturgie an der Folkwang Universität der Künste und seit 2008 Mitglied der künstlerischen Leitung des Festivals MELEZ im Rahmen der Kulturhauptstadt RUHR.2010.

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