Blick auf die vollbesetzte Tribüne des Ehrenhofes im Papstpalast beim Festival von Avignon.

Blick auf die vollbesetzte Tribüne des Ehrenhofes im Papstpalast beim Festival von Avignon.

Blick auf die vollbesetzte Tribüne des Ehrenhofes im Papstpalast beim Festival von Avignon.

© Foto: Christophe Raynaud de Lage
Leseprobe

Festspiele

LEP: Festivals – der Schwerpunkt im Heft 9/2010

Eine reichhaltige Festivalsaison geht zu Ende: Die “Passionsspiele Oberammergau”, das Festival “Theater der Welt” und natürlich Bayreuth, Salzburg und Bregenz. Auch nach Avignon haben wir geschaut.


Weitere Artikel des Schwerpunkts

Versucht man herauszufinden, wie viele Festivals es in Europa gibt, landet man auf verlorenem Posten. Allein in Deutschland findet man eine unüberschaubare Menge von Theaterfestivals, die meisten vollkommen unbekannt. Konzentriert man sich allerdings auf profilierte Festivals, wird die Suche sehr viel übersichtlicher. Und verlässt man sich auf die überregionalen Feuilletons, so scheint der Theatersommer fast ausschließlich in Bayreuth und Salzburg stattzufinden, den Orten der größten, reichsten und traditionellsten Festivals des deutschsprachigen Raums.

Was aber macht das Festival aus im Vergleich zu einer Spielzeit im Theater- oder Opernbetrieb? Zentrales Kennzeichen jeden Festivals ist die Wiederholung. Geradezu rituell taucht es jährlich, biennal, triennal oder gar, wie die Passionsfestspiele in Oberammergau, nur alle zehn Jahre auf. Erst die Wiederholung schafft für das Publikum Vergleichbarkeit und Bedeutungszusammenhänge. Sie macht es möglich, das Gewohnte affirmativ zu bedienen oder subversiv zu unterlaufen. Das Festival verspricht große Kunst, kann aufrufen zu Kritik, zum Aufstand, zum rauschenden Fest oder einfach nur zur großen Party. Auf dem Festival kann Raum für Utopien geschaffen werden oder nur Raum zum Zelebrieren des Erreichten und des persönlichen Status. Das Festival kann wie ein Karneval sein, an dem Regeln gebrochen werden dürfen und sich ein Möglichkeitsraum außerhalb der Ordnung öffnet. Das gute Festival ist wie eine Verführung, braucht Dramaturgie und einen Rhythmus: Es braucht eine Eröffnung, Höhepunkte, Entdeckungen, Abwege, Überraschungen und natürlich ein großes Finale. Das Festival kann ein Ereignis sein, kann Menschen bewegen und einen Resonanzkörper schaffen, der nachhallt.

Damit das Festival für den Zuschauer mehr werden kann als passives Erleben und aktives Konsumieren von Kunst, braucht es Künstler, die das Publikum herausfordern, aktivieren; und Festivalleiter, die einen Kosmos schaffen, der Neues und Überraschendes zulässt. Wie kann ein Festival die Menschen aus der eigenen Region verführen und gleichzeitig auch ein überregionales und internationales Publikum anziehen? Wie kann man internationales zeitgenössisches Theater einem lokalen Publikum vermitteln? Braucht ein Festival eine Seele, sprich eine bestimmte Atmosphäre? Braucht es Bezüge zur Stadt, ein Thema? Müssen berühmte, herausragende Künstler eingeladen werden? Braucht es Uraufführungen? Braucht es Glamour? Braucht es neue und radikale Arbeiten? Muss es kritisch sein? Muss es Identität stiften?

Die aufgeworfenen Fragen zeigen, dass es sehr unterschiedliche Möglichkeiten gibt, ein Festival zu gestalten. Wichtig ist es, dass eine Vision im Raum steht, eine Behauptung. An ihr werden die Arbeiten, die zu sehen sind, gemessen. Was in Bayreuth, dem ältesten aller Festivals, radikal erscheint und das Publikum zu Proteststürmen hinreißt, kann beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel einfach nur konventionell wirken. Es scheint wenig sinnvoll, die Trennlinie für ein gutes Festival zwischen Tradition und Innovation zu ziehen. Vielmehr geht es bei einem Festival darum, ein Ereignis zu schaffen, das etwas in den Menschen bewegt, verschiebt oder transformiert.

Bayreuth und Salzburg: Das perfekte Ritual

Zu den Bayreuther und Salzburger Festspielen, gegründet 1876 und 1918, strömt ein Publikum aus der ganzen Welt. Hier dominieren die Opernliebhaber. Hier feiert eine wohlhabende Klientel sich und den Status Quo in festlicher Robe. „Die Besten“ zu holen ist Konzept. Experimente: meist Fehlanzeige. Auf diesen Festivals ist das Ritual perfektioniert: In Bayreuth wird nur Wagner gespielt, in Salzburg jedes Jahr der „Jedermann“. Die Diskussionen um die Stücke entzünden sich an den Details oder Interpretationen des Wohlbekannten. Und natürlich an den Schauspiel/Sängerstars der Aufführungen. Um das Kleid der Buhlschaft ranken sich Debatten nicht nur bei Publikum und Boulevardpresse, sondern auch in den Feuilletons. Zu verlockend ist die Mischung aus Celebrities und Kunstgenuss. Etwas mehr Pioniergeist und Entdeckerlust würde man den Medienvertretern wünschen.

Europäische Festivalgründungen entstanden immer in Wellenbewegungen und hatten viel mit der politischen und gesellschaftlichen Situation zu tun. Die Gründungen der Festivals von Avignon und Edinburgh 1947 starteten direkt nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem neuen demokratischen Spirit und dem Versuch, Hochkultur den Massen näher zu bringen. Mit Erfolg: Noch heute strömt im Sommer, so scheint es, ganz Frankreich nach Avignon und bringt die Stadt zum Bersten. Eine nächste Welle von Festivalgründungen gab es in den 70er und 80er Jahren: „alternative“ Festivals, meist politisch motiviert aus dem Geist der Studentenbewegung. Das Theaterspektakel in Zürich, das Lift Festival in London oder das Internationale Sommertheaterfestival in Hamburg sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Diese Festivals waren von Anfang an sehr international, bestückten sich aus einer immer mobiler werdenden Künstlerschaft und sprachen ein junges Publikum an. Einen Ausnahmefall stellt das Festival Theater der Welt dar, das 1979 als Theater der Nationen in Hamburg von Ivan Nagel gegründet wurde. Es findet seither alle drei Jahre in unterschiedlichen Städten in Deutschland statt und ist daher für die ausrichtende Stadt ein einmaliges Ereignis.

Netzwerke abseits des Mainstreams

Neben diesen sehr großen Festivals gelingt es spezialisierten Festivals, Aufmerksamkeit zu erregen. Diese Festivals wurden meist später gegründet und haben sich in einer bereits existierenden Festivallandschaft einen Namen gemacht. 1994 gründete Frie Leysen das Kunsten Festival des Arts in Brüssel, das sich rasch zu einem der wichtigsten internationalen Festivals Europas mauserte. Dies hängt vor allem mit der Entdeckerfreude der Leiterin zusammen, die mit neuen Stücken aus der ganzen Welt die gesamt europäische Festivallandschaft beeinflusste. Ihr großes Anliegen war und ist es, Künstler, die abseits des Mainstreams arbeiten, international zu vernetzen, Koproduktionen herbeizuführen und somit neue Arbeiten und radikale Ästhetiken durchzusetzen. Für eine internationale nomadisch arbeitende Künstlerschaft sind Strukturen von Produktion und Koproduktion lebensnotwendige Basis ihrer Arbeit. Festivals spielen in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle.

Die Regionale in der Steiermark und das Festival der Regionen in Oberösterreich arbeiten beide vor allem Site specific und verlegen den Festivalgedanken in eine ländliche Region. Bei der Regionale werden in einem partizipatorischen Prozess die Entwicklungspotentiale einer Region mit künstlerischen Mitteln sichtbar gemacht und eine ausgewählte Region im Rahmen einer Sommerbespielung aufgewertet. Ein für den Kurator höchst herausforderndes Festival, das einen Spagat zwischen lokalen Akteuren und einer globalen Künstlerschaft erfordert. Mit einem vergleichbaren Ansatz arbeitet X-Wohnungen, ein Format, das von Matthias Lilienthal für Theater der Welt 2002 erfunden wurde, quasi als Festival im Festival. Hierfür wird ein Stadtteil von Kurator und Künstlern ethnologisch erforscht, indem in unterschiedlichen Wohnungen – oft unter Einbeziehung der Bewohner – Kunstprojekte eingerichtet werden. Das Publikum erkundet die einzelnen Wohnungen in einer Art Schnitzeljagd und gewinnt dabei überraschende Einblicke in nicht gekannte soziale Milieus; für die Künstler bietet dieses Projekt eine anregende Forschungsarbeit auf unbekanntem Terrain.

Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel versucht seit seiner Neuausrichtung, mit einem spartenübergreifenden Programm unterschiedliche Szenen anzuziehen. Theater, Tanz, Konzerte, ein politisch brisanter Themenschwerpunkt, Theorieveranstaltungen, eine Akademie, Installationen und ein gestalteter Garten machen das Kampnagel-Gelände zum Gesamtkunstwerk. Das Bühnenprogramm lädt internationale Stars und radikale Newcomer ein, Tango- und Salsanächte finden Oper-Air statt. An einigen Stellen entstehen konsumfreie Räume. Dies gilt für eine Sommerbar, aber auch für zahlreiche Umsonst-Veranstaltungen, die die Zugangsschwellen möglichst niedrig halten sollen.

In Abidjan ist, gegründet vom Künstlerduo Gintersdorfer/Klaßen, ein Festival RUE PRINCESSE entstanden, das deutsche und ivorische Künstler zu intensivem Austausch und Zusammenarbeit verführt. Es ist das ungewöhnlichste und auch eines der lebendigsten Festivals, das in den letzten Jahren gegründet wurde. Hier entsteht ein Prototyp für informelle Produktionsweisen und Vernetzung von Kreativen an der Schnittstelle von Kunst, Style, Alltag, Politik, von dem man – auch in Europa – noch viel hören wird. In Abidjan ist durch das Festival das Gefühl vom Ende einer langjährigen Isolation entstanden. Das Wirkungsfeld des Festivals ist politisch, künstlerisch und sozial. Ähnlich gelagert ist der Anspruch von Christoph Schlingensief, der dabei ist, in Burkina Faso ein Operndorf mit Festspielhaus zu errichten. Das Operndorf wird Theaterbühne, Cafeteria, Werkstätten, eine Schule, Krankenhaus und Unterkünfte für Künstler haben. Schlingensief verwirklicht mit dem Operndorf seinen Traum von einem Ort, der Welten verbindet und die Trennung von Kunst und Leben aufhebt.

Partizipation und Diversifzierung: Formate als „Stars“

Partizipation, Diversifizierung, Schaffung von niedrig-schwelligen Zugängen und konsumfreien Zonen scheinen wichtige Methoden für aktuelle Festivals zu sein. Hierfür bieten sich Projekte im öffentlichen Raum ebenso an wie spezifisch entwickelte künstlerische Formate, die ein Publikum oder eine Stadt intelligent in das Gesamtprogramm einbinden. Und so ist es kein Zufall, dass interessante Formate selbst wieder zu „Stars“ von Festivals geworden sind. Genannt seien in diesem Zusammenhang die wunderbar verschwenderischen Schwarzmärkte von Hannah Hurtzig, die 100 Berliner (Wiener) von Rimini Protokoll oder das ganze Säle in Ekstase versetzende Orchesterkaraoke von Matthias von Hartz.

„Kunst kann Maßstäbe setzen und Diktaturen sprengen“, sagt Christoph Schlingensief. Die Künstler und ihre Arbeiten müssen im Zentrum jedes Festivals stehen. Allerdings produziert die pure Addition von interessanten Arbeiten noch kein aufregendes Festival. Ein Festival heute – in einer komplex gewordenen Welt – sollte sich nicht an ein homogenes Publikum richten. Es sollte ein Programm entwickeln, das unterschiedliche Künstler, Kunstsparten und Kulturen in einen Dialog treten lässt und damit ein Publikum schafft, das sonst in getrennten Räumen denkt und lebt. Vielleicht ist das sogar die Voraussetzung dafür, dass das Festival zu dem werden kann, was seine Zuschauer sich von ihm erhoffen: Zu einem bewegenden Ereignis, das bewegte Dialoge hervorbringt und Möglichkeitsräume eröffnet.

Über den Autor

Amelie Deuflhard ist seit 2007 die Intendantin der Internationalen Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg. Zuvor war sie als freie Produktionsleiterin für Theater und Musikprojekte tätig und übernahm 1998 die Produktionsleitung und Öffentlichkeitsarbeit der Sophiensæle in Berlin, deren künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin sie 1999/2000 wurde.

Weitere Artikel dieses Schwerpunktes im Heft

  • Das Festival „Theater der Welt“
  • Christian Stückl und die Passionspiele in Oberammergau
  • Der „Kontinent Rihm“ bei den Salzburger Festspielen
  • Die Salzburger Schauspielsaison
  • Hans Neuenfels` „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen
  • Zum Zustand des Festivals d`Avignon
  • Bayrische Theatertage in Regensburg
  • Wiederentdeckt: Der Komponist Mieczyslaw Weinberg in Bregenz