Stefanie Reinsperger in der Maske vor ihrem Auftritt im „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen

Stefanie Reinsperger in der Maske vor ihrem Auftritt im „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen

© Foto: Cordula Treml
Leseprobe

Die Schauspielerin Stefanie Reinsperger im Porträt

von Cordula Treml

„Ich habe Respekt vor dem Berliner Publikum“

Es herrscht geschäftiges Treiben in der Garderobe des Salzburger Festspielhauses, wo Stefanie Reinsperger in den nächsten zwei Stunden in die Buhlschaft des Jedermann verwandelt wird: Eine Ankleiderin bringt ein Kostüm herein, zwei Tontechniker kommen kurz vorbei, um das Kopfmikrophon zu überprüfen, nebenan in der Garderobe klimpert Jedermann-Darsteller Tobias Moretti schwungvoll auf dem Piano, dann gibt jemand einen Fanbrief mit einem Foto ab?… Stefanie Reinsperger lässt sich durch all das nicht aus der Ruhe bringen, wie selbstverständlich unterzeichnet sie nebenbei das Foto von ihr und Bühnenpartner Moretti.

Seit die junge Schauspielerin die berühmte Rolle der Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen übernahm, musste sie sich daran gewöhnen, vor und nach den Vorstellungen geduldig wartenden Fans Autogramme zu geben. Salzburg liebt eben seine Schauspieler und Sänger und erhebt sie daher zu verehrungswürdigen Stars. Stefanie Reinsperger spielt die Rolle der Buhlschaft zum ersten Mal, in der Neuinszenierung von Michael Sturminger, die bewusst darauf Wert legt, eine zeitgenössischere Variante des Stoffes von Hugo von Hofmannsthal zu zeigen. So soll auch die Buhlschaft emanzipierter und autonomer wirken und ein bisschen mehr „Fleisch“ bekommen, wie Reinsperger es ausdrückt. Eine Herausforderung sieht sie bei der Rolle vor allem darin, in den beiden kurzen Auftritten, die ihr beschieden sind, die Figur in kürzester Zeit zu entwickeln und auf den Punkt zu bringen. Und es ist in der Tat eine großartige schauspielerische Leistung, wie sie es etwa bei der sehr berührenden kurzen Abschiedsszene schafft, die Figur klar und facettenreich emotional zu gestalten. Obwohl die Buhlschaft ihren Jedermann innig liebt, hat sie sich entschlossen, ihm nicht ins Jenseits zu folgen, wohin der Tod ihn frühzeitig holt. Doch der Abschied vom Geliebten fällt ihr schwer. Die Schauspielerin zeichnet hier eine todtraurige, zerrissene Figur, die sich nur schmerzvoll vom Geliebten löst und deren Leiden tief berührt.

Wenn Stefanie Reinsperger nicht gerade Jedermanns Geliebte auf dem Salzburger Domplatz gibt, probt sie derzeit am Berliner Ensemble, wo sie seit 23. September die weibliche Hauptrolle in Michael Thalheimers Inszenierung von Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ spielt. Begeistert erzählt sie von den Proben mit Thalheimer, die sie als inspirierend empfindet, als eine Art Weiterentwicklung ihrer bisherigen Arbeit, einen anderen Weg, der sich abzeichnet. Die Schauspielerin freut sich riesig, dass sie ab der kommenden Spielzeit Ensemblemitglied in Oliver Reeses „neuem“ BE ist. Für die gebürtige Österreicherin ist das auch ein Neustart in der Stadt Berlin. Bisher war sie vorwiegend in Wien engagiert und zuvor drei Jahre am Schauspielhaus Düsseldorf.

Einen Großteil ihrer Kindheit verbrachte Stefanie Reins­perger, bedingt durch den Beruf der Eltern, im Ausland. Die ersten vier Jahre in Belgrad und dann längere Zeit in London. Bereits dort nahmen ihre Eltern sie oft ins Theater mit, so kam sie schon früh mit dieser Kunstform in Berührung. Aus der kindlichen Begeisterung wurde dann regelrecht eine Leidenschaft, die sie künftig nicht mehr losließ, als sie als Jugendliche Birgit Minichmayr in Schnitzlers „Reigen“, deren erster Rolle am Burgtheater, sah. „Ich fand sie so großartig und erinnere mich an das, was sie damals in mir auslöste. Da dachte ich mir, wenn Theater das kann, fände ich es sehr erstrebenswert, das auch zu versuchen.“

Nach nur wenigen Schauspielschulbewerbungen wurde sie am Wiener Max Reinhardt Seminar aufgenommen. Von den vier intensiven, aufreibenden, aber auch sehr bereichernden Jahren schwärmt sie heute noch. Für sie war es mehr eine Art „Menschwerden“, da man sich viel mit sich selbst beschäftigt, sich kritisch reflektiert und auch Seiten an sich kennenlernt, die einem bisher verborgen waren. Noch während der Ausbildung erhielt sie das Angebot vom Düsseldorfer Schauspielhaus, wo sie dann direkt nach ihrem Abschluss engagiert wurde. Dort begann ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Dušan David Parízek, der ein wichtiger künstlerischer Begleiter für sie werden sollte. Am Wiener Burgtheater, wo Stefanie Reinsperger anschließend engagiert war, arbeitete sie weiterhin mit Parízek. In seiner Uraufführung von Wolfram Lotz’ „Die lächerliche Finsternis“ blieb die junge Schauspielerin unvergesslich mit ihrem eindringlichen Monolog, den sie sich als „schwarzer Neger aus Somalia“, in atemloser Rage und mit hochrotem Kopf, in breitestem Wienerisch regelrecht aus der Seele schrie. Lotz’ surreale und urkomische Kritik an den Absurditäten unserer heutigen Welt, die Parízek mit einem furiosen Quartett grandioser Burgschauspielerinnen inszenierte, wurde zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen und mehrfach ausgezeichnet. Für ihre Rolle wurde Stefanie Reinsperger von der deutschen Theaterkritik gleichzeitig zur Nachwuchsschauspielerin und Schauspielerin des Jahres 2015 gewählt und erhielt den österreichischen Theaterpreis Nestroy.

Das Publikum des Theatertreffens konnte die junge Österreicherin im Mai 2015 sogar in zwei Stücken erleben, denn das Burgtheater war auch noch mit Robert Borgmanns Inszenierung von Ewald Palmetshofers „die unverheiratete“ vertreten. Stefanie Reinsperger erinnert sich noch lebhaft, wie aufgeregt sie damals war, als sie kurz vor Aufführungsbeginn alleine mit ihrer Kollegin Elisabeth Orth, der damals fast 80-jährigen Doyenne des Burgtheaters, auf der Bühne hinter dem heruntergelassenen eisernen Vorhang stand. „Sie hatte Schweißperlen auf der Stirn und sagte zu mir: ‚Kind, was machen wir jetzt hier?‘ Ich hatte das Gefühl, sie ist genauso aufgeregt wie ich, dass wir beim Theatertreffen spielen. Sie hat sich diese naive, kindliche Suche nach Dingen bewahrt, ist so lebendig, völlig uneitel, sehr diszipliniert und bringt eine unglaubliche Weisheit mit auf die Bühne.“ Zwei Generationen treffen hier aufeinander: In „die unverheiratete“ wird die NS-Vergangenheit der von Orth gespielten Großmutter aufgearbeitet, die sich im Heute ihrer Enkelin, Stefanie Reinsperger, annähert.

Nach der erfolgreichen Spielzeit am Burgtheater entschied sich Stefanie Reinsperger jedoch, mit Dušan David Parízek ans Wiener Volkstheater zu wechseln. Dort setzten sie ihre begonnene Arbeit fort und versuchten dabei, jedes Mal noch einen Schritt weiter zu gehen. Vorläufiger Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit ist sicherlich Peter Handkes Monolog „Selbstbezichtigung“, in dem Stefanie ­Reinsperger sich dem Publikum eine Stunde lang schonungslos ausliefert und Handkes wortgewaltige Introspektion eines Menschen, mit teils irrationalen Schuldzuweisungen, verblüffend klarsichtig und mit vollem körperlichen Einsatz darbietet. Künftig wird sie mit „Selbstbezichtigung“ auch in Berlin zu sehen sein, denn das Berliner Ensemble übernimmt Parízeks Inszenierung in sein Repertoire, Premiere ist am 10. Oktober.

Außergewöhnlichen körperlichen Einsatz zeigt die Schauspielerin ohnehin in den meisten ihrer Stücke, so auch in Parízeks „Nora3“, wo der Ibsen-Ausgangstext mit neuen Textpassagen von Elfriede Jelinek angereichert und Noras Geschichte nach der Trennung von ihrem Mann weitererzählt wird. Oder auch in Anna Badoras Inszenierung von Grillparzers „Medea“; hier durchdringt der Schmerz der gekränkten Kindesmörderin Reinspergers Körper, wie am Ende, als sie mit ihren toten Kindern im Arm lautlos über die Bühne tanzt. Ihr bedingungsloser Körpereinsatz ist fast schon ein wenig zu ihrem „Markenzeichen“ geworden: „Ich liebe es, mit dem Körper zu arbeiten. Ich bin kein Kopfschauspieler, ich löse das alles über den Körper und vor allem über das Herz.“ Möglichst weit zu gehen und immer alles zu geben ist dabei zwar ihr Wunsch, dennoch weiß sie, dass es auch Momente gibt, in denen sie auf sich selbst aufpassen muss, um sich nicht total zu überfordern.

Ganz wichtig ist Stefanie Reinsperger bei den im Theater verhandelten Themen, dass sie einen Bezug zu unserer gesellschaftlichen Realität haben und Fragen aufwerfen. „Theater kann nicht nur Antworten und Lösungen geben, Theater muss Denkanstöße geben.“ So freut sie sich, wenn Zuschauer nach der Vorstellung noch zusammensitzen und über das Bühnengeschehen diskutieren, sich für ein paar Stunden aus ihrem Alltagstrott reißen lassen und sich aktiv mit aktuellen Themen wie der Flüchtlingskrise auseinandersetzen. Die Schauspielerin schwärmt davon, wie aktuell gerade Bertolt Brechts Texte bis heute sind. Mit „Der Kaukasische Kreidekreis“ eröffnete er 1954 sein Theater am Schiffbauerdamm, mit Helene Weigel in der Hauptrolle. Im Zentrum des Stückes steht die Magd Grusche, bei Thalheimer Stefanie Reinsperger, die sich gutherzig eines von der Mutter ausgesetzten Kindes annimmt und sich – allerdings auch nicht voll­kommen selbstlos – dessen Fürsorge erkämpft.

Nach wichtigen, bereichernden Erfahrungen in Düsseldorf, Wien und Salzburg freut sich Stefanie Reinsperger jetzt also auf Berlin und auf die Arbeit mit neuen Ensemblekollegen und Regisseuren. Ob sie dort auch um Autogramme gebeten wird, wie in der Festivalenklave Salzburg, bleibt abzuwarten, gespannt ist sie jedoch vor allem auch auf die Konfrontation mit dem Publikum in der deutschen Hauptstadt. „Ich bin mir bewusst, dass es sehr viel härter werden wird als in Wien, denn Wien ist so eine schauspieler- und theaterliebende Stadt, aber ich habe großen Respekt vor den Berlinern!“ Was würde sie sich, bei all dem, was sie in ihrer kurzen, aber doch zielstrebig zum Zenit führenden Schauspielerkarriere bereits erreicht hat, für die Zukunft in ihrem Beruf unbedingt wünschen? Die junge Schauspielerin muss nicht lange überlegen: „Ich würde gerne so lange wie möglich spielen, weiterlernen und damit glücklich sein, und das nicht von Auszeichnungen abhängig machen müssen, sondern mir einfach selbst treu bleiben, wie zum Beispiel Elisabeth Orth. In dem Alter noch spielen zu können und so neugierig zu sein, das würde ich mir wünschen!“

Stefanie Reinsperger
ist seit der Spielzeit 2017/18 Ensemble­mitglied am Berliner Ensemble.
» 1988 in Baden bei Wien geboren
» Schauspielstudium am Max Reinhardt Seminar in Wien
» Ab 2011 am Schauspielhaus Düsseldorf engagiert
» In der Saison 2014/15 Wechsel ans Wiener Burgheater
» In zwei Inszenierungen, „die unverheiratete“ und „Die lächerliche Finsternis“, zum Berliner Theatertreffen eingeladen
» Für „Die lächerliche Finsternis“ mit dem Nestroy-Preis und anderen Auszeichnungen geehrt
» 2015/16 Wechsel an das Volkstheater Wien
» 2017 die Buhlschaft im „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen