Edgar Selge in „Unterwerfung“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

Edgar Selge in „Unterwerfung“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

© Foto: Klaus Lefebvre
Leseprobe

Der Sinn der Zahlen

von Detlev Baur

Mehr zum Schwerpunkt “Der Sinn der Zahlen” im Juniheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Eine Karte der Theaterstädte nach Besucherzahlen
  • Das Erfolgsmusical „Starlight Express“
  • Statistische Annäherung an Theaterautoren
  • Neue Theaterform: Der Trend zum Projekt
  • Zahlen-Zauber: Blitzlichter aus der Werkstatistik
  • Erfolg am Rand: Dramatiker Ferdinand Schmalz
  • Neues in der Oper?
  • Tanztheater: Uraufführung oder Rekonstuktion
  • Die Kunst der Bespieltheater

Die Zahlen der Werkstatistik zeigen: Publikumsgeschmack und Vorlieben der Kritiker liegen himmelweit auseinander

Eine Lehre aus der Beschäftigung mit der Werkstatistik im vergangenen Jahr war für unsere Redaktion die Feststellung, dass das von der Mehrzahl der Zuschauer besuchte Theater wenig mit dem Theater gemeinsam hat, welches normalerweise in der DEUTSCHEN BÜHNE und in den Feuilletons reflektiert wird. Deshalb wollten wir in diesem zweiten Schwerpunkt, im dem wir eine neu erscheinende Werkstatistik begleiten, diese Differenz weiter reflektieren und an Beispielen aus diversen Sparten anschaulich machen.

Ein erster Unterschied des unterschiedlichen Blicks aufs Theater ergibt sich schon aus der Bedeutung der Premieren. Für Otto-Normalzuschauer ist die Premiere der Auftakt einer Reihe von möglichen Aufführungen. Wenn er sich noch nach guter alter Sitte auch an Kritiken orientieren will, ist die Premiere sogar der unattraktivste aller möglichen Termine, denn da sind selbst die Online-Kritiken noch nicht geschrieben. Hinzu kommt, dass es bei Premieren in der Regel eher schwer ist, Karten zu bekommen und diese auch noch teurer sind. Ganz anders bei Kritikern und sonstigen beruflichen Theaterzuschauern. Für diese berufsbedingten Zuschauer kommt eigentlich nur die Premiere als Aufführungstermin in Frage. Da jede Aufführung aber atmosphärisch anders verläuft, auch unter dem Einfluss des Publikums, also von anderer Temperatur ist, deutet sich schon hier – vor einem genaueren Blick auf die Zahlen – an, dass das Theater der Zuschauer und das der Kritiker kaum miteinander vergleichbar ist.

Kritiker haben also vor allem die Premieren der Häuser im Blick. Angesichts von 5287 Premieren in der Spielzeit 2015/2016 (in Deutschland sind es alleine schon 4297) fokussiert sich ihr Blick aber weiter auf Erstaufführungen, insbesondere auf Uraufführungen. Das sind in der betreffenden Spielzeit immer noch 1037 (bzw. 1266 im deutschsprachigen Bereich). Allein im Schauspiel sind es in Deutschland 215. Das bedeutet, dass Kritiker stark auswählen müssen, wobei persönliche Vorlieben auch eine Rolle spielen dürften. Und andererseits heißt es, dass die allermeisten Stücke gar nicht mehr nachgespielt werden.

In der Werkstatistik sind jedoch nicht nur die Premieren der Theater verzeichnet, sondern alle aktuell gespielten Werke, also auch Wiederaufnahmen. In der Saison 2015/2016 gab es insgesamt 8349 Inszenierungen. Das bedeutet, dass knapp die Hälfte der Inszenierungen bzw. ein gutes Drittel aller Aufführungen Wiederaufnahmen älterer Inszenierungen waren. Bei rund 100000 Aufführungen in der gesamten Spielzeit konzentrierten sich die Kritiker also auf rund 1000 unter ihnen, das ist ziemlich genau ein Prozent aller Aufführungen (und gut 10 Prozent aller Inszenierungen). Anders gesagt: 99 Prozent aller Aufführungen werden vom Fachpublikum kaum oder gar nicht wahrgenommen. Das Theater besteht demnach aus zwei sehr weit voneinander entfernten Welten: Dem Zuschauertheater und dem Feuilleton-Theater.

Nun soll hier keine Gleichmacherei gefordert werden und der Wert von Qualität und Innovation für das Theater nicht in Frage gestellt werden. Als Selbst-Einsicht scheint es dennoch von großer Bedeutung zu sein: Was die meisten Zuschauer Tag für Tag in den Theatern sehen, ist meist etwas ganz anderes als das, was in den Zeitungen und Zeitschriften besprochen wird. Im Schauspiel sehen die meisten Zuschauer eben weit eher „Nathan der Weise“, „Faust“, „Der nackte Wahnsinn“ oder „Tschick“ als viel besprochene neue Werke wie „Bilder von uns“, „Der Herzlfresser“ oder „Drei sind wir“. Das neue Stück „Terror“ von Ferdinand von Schirach ist in der Spielzeit zwar mit 18 Inszenierungen enorm erfolgreich gestartet, es wurde vom Feuilleton überwiegend aber mit spitzen Fingern behandelt. Dabei ist es bestimmt kein simples Unterhaltungsstück, ästhetisch aber auf ungewöhnliche Weise unambitioniert. Nur fünf überwiegend klassische, in jedem Fall aber schon seit Jahren erfolgreiche Stücke kommen in der Saison 2015/2016 auf mehr Inszenierungen als „Terror“, bei den Zuschauerzahlen wird es gar nur von drei Abenteuer-Open-Air-Events übertroffen.

Beim Blick auf die Besucherzahlen einzelner Inszenierungen (siehe Tabelle auf Seite 49) spielen solche Karl May- oder Piraten-Sommerstücke eine führende Rolle – nach dem erfolgreichsten Musical „Starlight Express“. „Der Schatz im Silbersee“ in Bad Segeberg und in Elspe sowie die Inszenierung der Störtebeker-Festspiele auf Rügen sind als sommerliche Spektakel mit Tieren und Feuersensationen und damit alles andere als konzentriertes Kammertheater. Aber auch die bestbesuchten Opern- („Turandot“ bei den Bregenzer Festspielen) und Operetteninszenierungen („Eine Nacht in Venedig“ in Mörbisch) sind Freiluftevents, die stark von Atmosphäre und Effekten leben und weniger von differenziertem Ausdruck.

Dass bei alldem auch die Theaterräume eine große Rolle spielen, wird in Kritiken in der Regel kaum beachtet oder beschrieben, zu sehr ist der Blick auf die Bühne fixiert. Ein Großteil aller Uraufführungen, darunter auch die drei oben genannten, findet eben nicht auf den großen Bühnen, sondern auf etwa 100 Zuschauer fassenden Studiobühnen statt. Daher können sie schon aus physischen Gründen gar kein großes Publikum erreichen.

Unter den 25 bestbesuchten Inszenierungen findet sich kein Tanz und kein Projekt, wohl aber viel Kinder- und Jugendtheater bzw. sogenannte Weihnachtsstücke wie „Das doppelte Lottchen“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Auf Platz 25 taucht die erste feuilletonistisch relevante Inszenierung auf: „Unterwerfung“ nach Michel Houellebecq in Karin Beiers Regie am Deutschen Schauspielhaus (im größten deutschen Sprechtheaterraum), und das auch noch mit nur einem einzigen Darsteller: Edgar Selge. Die 2016 bereits mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST gewürdigte Soloperformance ist übrigens eine von 18 Premieren unter den 25 bestbesuchten Inszenierungen der Saison. Hier kommen das breite Publikum und die Berufszuschauer also in gewisser Weise wieder etwas „zusammen“: Die Neugier auf Neues ist durchaus auch beim Publikum vorhanden.

Eine Einschränkung sei aber selbst bei dieser Inszenierung angebracht: Ich fand in meiner Premierenkritik die Hamburger Fassung des großartigen, so offenen wie mutig direkten Romans nicht so ganz überzeugend (Zitat: „Insgesamt ist das Ergebnis ein großer Schauspielerabend, zu sehen ist ein gewagtes kunstvolles Theatersolo. Als Romanadaption überzeugt diese Hamburger Inszenierung aber nur bedingt. Und eine Positionierung angesichts epochaler Umbrüche vermeidet diese ‚Unterwerfung‘, als kritischer Debattenbeitrag ist sie weitgehend eine Fehlanzeige.“) Eine große Rolle dürfte bei dem Erfolg die großartige Leistung des alleinigen Hauptdarstellers spielen, der in dem Riesenbühnenraum mit seinem schillernden Spiel das Publikum hinriss. Die Inszenierung ist Kult in Hamburg, man will Selge sehen. Ein einzelner Schauspieler, der als Gast Erfolgsgarant fürs Ensembletheater ist.

Im Schwerpunkt „Der Sinn der Zahlen“ versuchen wir anhand der Saison 2015/2016 also den Theateralltag in Deutschland näher zu beschreiben. Mit Landkarten, Tabellen und einem Text über führende Autoren. Wir proträtieren einen wichtigen jungen Autor, der jedoch nur auf kleinen Studiobühnen gespielt wird. Wir versuchen das feuilletonistische Lieblingsthema Projekte ins Ganze der Theaterrealität einzuordnen und untersuchen am Beispiel Tanztheater das Verhältnis zu Bühnenwerk und seinen Aufführungen. Beim Publikums-Hit „Starlight Express“ blicken wir hinter die Kulissen, in der Oper, wo mindestens seit Jahrzehnten Mozart und Verdi den Ton angeben, suchen wir neue Werke, die ein breiteres Publikum ansprechen können. Schließlich blicken wir nach Schweinfurt, wo ein Theater nur Gastspiele anbietet und dabei durchaus versucht, auf Qualität wie auf Publikumszuspruch zu achten.