Schwerpunkt November 2015: Burnout

Schwerpunkt November 2015: Burnout

© Foto: Stefan Heyne
Leseprobe

Burnout - Ein Theaterthema

Mehr zum Schwerpunkt “Burnout – Ein Theaterthema” im Novemberheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Die Schauspielerin Bibiana Beglau über Burnout am Theater
  • Schauspieler im Dauergalopp: Stressfaktoren am Theater
  • Das Loslassen üben: Miriam Tscholl über ihr Sabbatjahr
  • „Außer das Theater brennt“: Fallstudien
  • Abbrennen auf der Bühne: Burnout in Theaterstücken
  • Neue Kraft schöpfen: Empathiekultur am Theater Paderborn

When too perfect, lieber Gott böse

Die stärksten Charaktere der Theatergeschichte sind Menschen am Rande des Zusammenbruchs. Goethes Faust? Ein depressiver Wissenschaftler, der seinem Leben ein Ende setzen will. Macbeth? Ein von Ehrgeiz zerfressener Despot, den Schuldgefühle martern. Elektra? Eine Tochter in blinder Trauer um ­ihren Vater. Auf der Bühne finden Figuren mit quälenden Konflikten oder harten Schicksalsschlägen seit Jahrhunderten eine Heimat – und um sie spielen zu können, brauchen Schauspieler Kraft, Mut, Spielfreude und eine große Palette an Gefühlsausdrücken. Doch was, wenn diese Kraft irgendwann weg ist? Wenn Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Reizbarkeit überwiegen? War die Spielzeit zu anstrengend – oder droht schon der Burnout?

Burnout ist seit einigen Jahren in aller Munde. Auch im Theater ist das Thema längst angekommen. Und zwar nicht nur auf der Bühne: Gleich mehrere Intendanten hängten in den letzten Jahren aufgrund starker Erschöpfungszustände ihren Job an den Nagel: 2010 verließ Friedrich Schirmer frühzeitig das Schauspielhaus Hamburg, 2011 stieg Peter Konwitschny in Leipzig aus, 2012 nahmen Regula Gerber in Mannheim und Staffan Valdemar Holm in Düsseldorf ihren Hut. Meist kamen dabei mehrere Dinge zusammen: Überarbeitung, Konflikte im beruflichen Umfeld, Etatkürzungen, manchmal schlechte Kritiken, oft private Schwierigkeiten. „Ich war an einem Punkt, an dem es nicht weiterging“, erinnerte sich Staffan Valdemar Holm in einem Interview mit der Rheinischen Post. „Nach einem Sitzungswochenende in Paris bin ich zu einer Probe gegangen, aber war so erschöpft, dass ich danach 15 Stunden in meinem Büro lag und nicht aufstehen konnte. Ich hatte überhaupt keinen Antrieb mehr.“ Auch Schauspieler berichten oft von großer Erschöpfung und Abgeschlagenheit. Kein Wunder eigentlich, bringt ihr Leben doch Besonderheiten mit sich, die einen Burnout durchaus begünstigen können: berufliche Unsicherheit, unregelmäßige Arbeitszeiten, hoher Druck, oft wenig Verdienst, eine enge Verquickung zwischen Beruf und Privatleben sowie die Notwendigkeit, ständig aus sich her­aus schöpfen und Leistung bringen zu müssen, die dann in aller Öffentlichkeit bewertet wird. „Ich schramme immer knapp am Burnout vorbei“, bekannte kürzlich der Theater- und Filmschauspieler Lars Eidinger, „Ich kann manchmal nur ganz schwer aufstehen am Morgen. Ich habe eine Tendenz zur Melancholie, aber auch zur Depression.“

Depression, Burnout und Angststörungen seien die „Leitkrankheiten des 21. Jahrhunderts“, schrieb der Philosoph Byung-Chul Han 2010 in seinem häufig zitierten Essay „Müdigkeitsgesellschaft“. Stress und Überlastung macht vielen Menschen zu schaffen, und zwar nicht nur in Deutschland: 15 Prozent aller Europäer leiden aktuell an einer psychischen Erkrankung, besonders an Depressionen, Schlaf- und Angststörungen, so eine aktuelle EU-Bevölkerungsstudie. Gestiegen ist aber nicht die Zahl der tatsächlichen Erkrankungen, sondern vor allem die Bereitschaft, sie wahrzunehmen und darüber zu sprechen. Auch Ärzte sind von diesem Sinneswandel erfasst. Statt aus Angst vor einer Stigmatisierung des Patienten verschleiernde Ausweichdiagnosen zu benutzen, diagnostizieren sie heute eine Depression als Depression. Streng genommen gibt es also keine „Welle“ psychischer Erkrankungen: Die Zahl der Neu­erkrankungen ist seit drei Jahrzehnten stabil.

Dennoch ist bedeutsam, dass wir gerade jetzt darüber zu reden gelernt haben. Denn unsere Psyche hat seit Beginn der Neunzigerjahre einen anstrengenden gesellschaftlichen Veränderungsprozess zu verkraften. Globalisierung und Deregulierung haben dafür gesorgt, dass Staat und Arbeitswelt immer weniger Sicherheit und Berechenbarkeit bieten. Stattdessen sind wir heute selbst für unseren Weg verantwortlich. Und zwar auf allen Ebenen, denn dieser Umbruch betrifft mittlerweile die gesamte Lebensgestaltung. „Es hat sich ein tiefgreifender Wandel von geschlossenen und verbindlichen zu offenen und zu gestaltenden sozialen Systemen vollzogen“, erklärt auch der Münchner Sozialpsychologe Prof. Dr. Heiner Keupp, „in der Arbeitswelt wird der Umbruch nur am deutlichsten.“ Unsere Lebensgestaltung hängt heute also weitestgehend von uns – und unserer Leistungsbereitschaft – ab. Doch es kann ermüden, jeden Tag aufs Neue entscheiden zu müssen, welche Richtung unser Leben einschlagen soll. Zumal die heutige Arbeitswelt mit ihrem hohen Tempo, ihrer wachsenden Arbeitsdichte und ausufernden Flexibilität keine Bremse mehr bietet– wir können weiterackern und weiterackern, bis wir umfallen. Es braucht ein dickes Fell, um dem Tempo standzuhalten und auch bei Gegenwind aufrecht stehen zu bleiben. „Natürlich ist ein Schauspieler oder Regisseur deutlich ungeschützter als zum Beispiel ein Apotheker“, erklärte jüngst der Regisseur Armin Petras im Stadtmagazin Tip Berlin. „Wir kriegen, ich jedenfalls, mindestens alle zwei Monate auf die Fresse, von den unterschiedlichsten Seiten. Wenn zum Beispiel einem Kritiker eine Aufführung nicht gefällt, lesen das am nächsten Tag viele Leute. Nicht alle Schauspieler und nicht alle Zuschauer sind immer glücklich und zufrieden mit meiner Arbeit. Das Echo ist deutlich, und es ist nicht immer nur freundlich.“ Das kann an die Substanz gehen.

Doch wo ist sie, die Grenze zwischen normaler Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit und Krankheit? Und worin liegt der Unterschied zwischen Burnout, Depression und einer Angststörung, allesamt Erkrankungen, die doch in engem Zusammenhang zu Stress stehen? Stress wird überhaupt erst problematisch, wenn er zum Dauerzustand wird, beispielsweise bei einer anstrengenden Doppelbelas­tung im Berufs- und Privatleben. Kommen zur Erschöpfung irgendwann Symptome wie Schlafstörungen, Antriebslosigkeit und Reizbarkeit hinzu, ist die Schwelle zum Burnout bald erreicht. Wenn keine Regeneration oder Erholung mehr möglich ist, wird es kritisch. Der Erschöpfungsprozess zum Burnout läuft jedoch über Monate bis Jahre – im Gegensatz zu einer klassischen schweren Depression, die innerhalb von Tagen beginnen kann.

Außerdem liegen beim Burnout häufig Gefühle von Desillusionierung und zynischer Distanz zum Job vor. „Burnout ist ein Zustand schwerer emotio­naler Erschöpfung, der auch mit einer Veränderung innerer Werte einhergeht“, erklärt Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt des Zentrums für seelische Gesundheit der Asklepios-Klinik Hamburg-Harburg. „Wenn ich einen Burnout hätte, würde ich begleitend eine Demoralisation erleben: Obwohl ich als Arzt angetreten bin, Menschen zu helfen, würden mir die Patienten auf die Nerven gehen und ich die Arbeit nur noch als Qual erleben. Ich hätte den Kontakt zu mir selbst verloren und würde nur noch wie ein Automat funktionieren. Damit könnte ich natürlich auch ins Vollbild der Depression reinkommen. Aber der Zugang wäre ein anderer. Denn eine Depression kann auch ganz andere Ursachen haben.“ Bei einer Angststörung hingegen steht die Furcht vor bestimmten alltäglichen Situa­tionen oder auch ein generalisiertes Angstgefühl im Vordergrund. Das Angstgefühl verselbstständigt sich immer mehr, bis es schließlich zu einer „Angst vor der Angst“ kommt und die Angst auslösenden Orte oder Situationen vermieden werden. Als Folge ziehen sich die Betroffenen langsam aus dem Leben zurück. Oft geht die Angststörung auch mit einer Depression einher.

Das Theater birgt für seine Beschäftigten also einige Risiken, wie eine hohe Arbeitsbelastung, wenig Privatleben, starker Leistungsdruck. Gefühle der Erschöpfung nach anstrengenden Proben, der Anspannung vor Premieren oder der Niedergeschlagenheit nach schlechten Kritiken sind also normal und gehören gelegentlich dazu. Deshalb brauche das Thea­ter „ein Mindestmaß an Vertrauen, an sozialer Gerechtigkeit und an Strukturen, die es ermöglichen, dass sich Leute entwickeln“, erklärt Armin Petras. Dennoch birgt die künstlerische Arbeit am Theater auch Ressourcen: Sie ist herausfordernd und kreativ, bietet dem Einzelnen ein hohes Maß an persönlichem Freiraum und oft ein gutes Netzwerk durch die Theaterfamilie. Ohnehin verursacht selten die Arbeit allein ein Burnout-Syndrom oder gar eine psychische Erkrankung. Vielmehr ist Gesundheit ein Prozess, der von vielen Faktoren abhängt: nicht nur von der Arbeitslast, der Entlohnung und Anerkennung im Job, sondern auch von der Lebensgeschichte, aktuellen Lebenssituation und sozialen Einbindung eines Menschen. Deshalb plädiert Hans-Peter Unger auch für einen differenzierten Blick auf die große Erschöpfung. „Mir ist die Burnout-Debatte zu sehr darauf eingeengt, dass die Arbeitsbedingungen schuld sind“, sagt Unger, „Das ist Schnee von gestern. Arbeit macht nicht unbedingt krank, sie ist ein wichtiger Faktor unseres Lebens. Auch Erschöpfung ist ein integrativer Teil des Lebens. Wichtig ist vielmehr, die Balance zu halten. Denn Selbstfürsorge ist nicht mehr ri­tualisiert vorhanden in einer Welt, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben immer mehr verwischen“.

Wie also kann es gelingen, am Theater die Balance zu halten und trotz der hohen Anforderungen ausreichend Selbstfürsorge zu betreiben? Am Ende geht es vor allem darum, unser gestresstes Ich zu stärken. Also Nein zu sagen zu inneren und äußeren Antreibern, eigene Grenzen anzuerkennen, eine gute Portion Eigensinn zu wahren. Denn man kommt nicht drum herum: Immer wieder müssen wir die Spannung aushalten, dass wir mehr leisten könnten und unser Leben ganz anders aussehen könnte. Damit Frieden zu schließen wäre eine lohnenswerte Aufgabe. „When too perfect, lieber Gott böse“, formuliert es der Videokünstler Nam June Paik zugespitzt. Doch das Aussteigen aus dem inneren Hamsterrad braucht Zeit: Wir müssen die alten Erfahrungen immer wieder überschreiben, bis wir die neuen Haltungen verinnerlicht haben. Bis dahin können wir uns trösten, dass Krisen und Umbrüche zum Leben gehören und auch eine Bereicherung sein können. Die Bühne bietet dafür eine Menge gute Beispiele. Auch in China, dem Land der Achtsamkeit, weiß man das schon lange. Denn in der chinesischen Sprache bedeutet das Wort „Krise“ zugleich auch „Chance“.

Über die Autorin

Anne-Ev Ustorf schreibt als freischaffende Journalistin Reportagen, Reports und Porträts für Publikumszeitschriften und überregionale Zeitungen. Zu ihren regelmäßigen Auftraggebern zählen Psychologie Heute, Emotion, Süddeutsche Zeitung. Psychologische und gesellschaftliche Themen bilden einen Schwerpunkt ihrer Arbeit.