Aktuelle Antiken-Variation: „Elektra“ 2014 am Schauspiel Dortmund

Aktuelle Antiken-Variation: „Elektra“ 2014 am Schauspiel Dortmund

© Foto: Birgit Hupfeld
Leseprobe

Antike Anstöße

Mehr zum Antiken-Schwerpunkt im Novemberheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Schauspieler Wolfram Koch über das Sprechen antiker Texte
  • Asyl in der Antike
  • Drei aktuelle Antiken-Inszenierungen
  • Interview zum Antiken-Schwerpunkt am Schauspiel Frankfurt
  • Elfriede Jelinek als aktuelle Antiken-Autorin

Der driftende Kontinent

Es ist 2016: Europa driftet, als Idee und als konkreter politischer Raum. Die Zeit der verschlafenen mitteleuropäische Grenzvergessenheit der Neunziger- und Nullerjahre ist vorbei. Alles, was wir uns einmal unter dem europäischen Projekt vorgestellt haben, droht derzeit endgültig zu implodieren: die mittelfristige Überwindung der Na­tionalstaaten, die langfristige Sicherung von Demokratie, Freihandel, Wohlstand und Frieden auf dem Kontinent, die großzügige Gewährung von Schutz für jene, die Schutz bedürfen, die Unterbindung von ausgrenzendem und faschistischem Denken, bevor es einen Flächenbrand entfachen kann.

Rekordverdächtige elf „Antigone“-Inszenierungen stehen in der laufenden Saison auf den Spielplänen der Theater, viermal Grillparzers „Goldenes Vlies“, in Frankfurt gibt es einen richtiggehenden Antiken-Schwerpunkt am Schauspielhaus. Ist diese Rückbesinnung auf den äußersten Rand des europäischen Gedächtnisses nun eine Mode, Zufall oder Ausdruck einer Ahnung, dass unsere katastrophische Gegenwart tatsächlich existenziell mit den antiken Stoffen in Beziehung stehen könnte? Das Unerträgliche an historischen Phasen, in denen sich tektonische Veränderungen der politischen Organisation, der Diskurse und der menschlichen Beziehung zur Welt Bahn brechen, ist die Unkenntnis der Küste, an der das driftende Schiff letztendlich anlanden wird. Die Angst vor der Ungewissheit trifft uns heute besonders hart, weil wir uns vor noch nicht allzu langer Zeit im Zielhafen der Geschichte eingelaufen glaubten, wo allenfalls hier und da noch Schönheitsreparaturen am politischen Rumpf vorgenommen werden mussten.

Das Bild des driftenden Kontinents – vom Kurs abgekommen, von unterirdischen Strömungen ergriffen – ist eine sprachliche Reaktion auf die Anfrage zu diesem Essay: Ob die Antike dem euro­päischen Theater nicht als „Anker“ der Selbstvergewisserung dienen könnte? Ob die Besinnung auf die Ursprünge unserer institutionellen Strukturen und des Theaters in der attischen Polis den Verfall Europas nicht wenigstens im Bereich der darstellenden Kunst aufhalten könnte?

Nun markiert der Übergang vom 6. ins 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Griechenland selbst eine Phase elementarer Kämpfe um die Organisation des Zusammenlebens, die sich in die Kunstwerke der Zeit eingeschrieben haben; eine lebendige Dynamik, die in ihnen versteinert ist. Die Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides sind auch Ausdruck eines Ringens verschiedener Ordnungen miteinander. Nicht zwischen widerstreitenden Ideen von politischer Organisation, sondern als Gründungskampf des uns bekannten politischen Subjekts selbst. Ein Souverän, dessen Erben wir bis heute sind, der Gesetze eigenmächtig erlässt und in familiären Abstammungslinien eingebettet ist. Während sich die antike Polis gründete und mit ihr Vorformen unserer heutigen Demokratie, schwindet der mythologische Horizont der Menschen, ihr Eingebettetsein in den Kosmos, ihre genealogische Verbindung mit der Erde selbst und damit die Idee einer kategorisch anderen Herkunft als der familiären, ödipalen: nämlich „Erdenkind“ zu sein – ein Begriff, der nebenbei gesagt sensibel verwendet werden sollte. Er bezieht sich nicht auf „Raum“ oder „Boden“ in einem besitzergreifenden oder völkischen Sinne, sondern zielt auf etwas anderes.

Kreon, der Tyrann, der auf die Einhaltung der weltlichen Gesetze pocht (das Brechen eines Gesetzes stellt für ihn die Legitimität der Gesetzgebung überhaupt infrage), sieht sich seiner Nichte Antigone gegenüber, die sich ihrer Verbindung zur (Mutter) Erde, der Gattungsherkunft, den „ewigen“ Gesetzen der Götter mehr verpflichtet fühlt als seiner Legislative und der „Familienpflicht“. Die prinzipielle Unversöhnlichkeit dieser beiden Sphären ist der tragische Konflikt: hier die sich gründende Stadt als kriegerische Festung mit Kreon als Herrscher, dort die Erdumwelt, von der sie sich abgrenzt – was Antigone nicht hinnimmt.

Wenn nun aber eine Qualität der Tragödien darin besteht, dass sich in ihnen eine fundamentale Unversöhnlichkeit eingeschrieben hat, wie sollten sie uns heute zum sicheren Grund werden, in dem wir Verunsicherten und Verängstigten vor Anker gehen könnten? Die Bochumer Theaterwissenschaftler Ulrike Haß und Sebastian Kirsch haben die Vermutung geäußert, dass die Gründung der antiken Polis samt der Selbstermächtigung des (männlichen) Souveräns mit einer beispiellosen Verdrängung der Gattungsfrage einhergegangen ist, die bis heute andauert. Auf der Ebene des Theaters betrifft das die Verdrängung des Chores durch den Protagonisten. Wir sind eben nicht ausschließlich Sohn oder Tochter unserer Eltern, Platzhalter im Familienstammbaum, sondern auch die unbestimmbare Vielheit der Erdenkinder. So gesehen stoßen wir in den antiken Texten eben nicht auf sicheren Grund, sondern auf die Vorformulierung unserer eigenen Katastrophe, auf den systemimmanenten Verlust einer Verantwortung gegenüber der Gattung.

„Für alle großen Krisen der Gegenwart findet man ein mythisches Bild oder eine verdrängte Erzählung, die sie vorwegnehmen,“ sagt Kirsch. Den Atommeiler von Fukushima vergleicht er mit Augias’ Stall, den sogenannten Islamischen Staat mit der Hydra, die Migrationsbewegungen der Gegenwart mit den „Kontinenten“, die sich in Aischylos’ „Die Schutzflehenden“ „in Bewegung setzen“. Eins von zahlreichen weiteren Beispielen, die er anführt: „Wenn heute Unternehmen wie die Deutsche Bank durch Spekulationen gegen den Weizenpreis kurzfristige Gewinne einstreichen, wenn am Horn von Afrika Menschen verhungern, dann zeugt das von einer systemimmanenten radikalen Vernachlässigung der Gattungsfrage, auf die dringend politische Antworten gefunden werden müssen.“

Die gedankliche Operation, die hinter diesem Denken steckt, ist die der Analogie: ein In-Beziehung-Setzen von dynamischen Strukturen über 2500 Jahre hinweg. Das ist meiner Ansicht nach etwas anderes als der unter Theatermachern weit verbreitete Fetisch der Aktualisierung, der sich noch den letzten historischen Stoff mit zeichenhaften Mitteln auf die eigene Gegenwart oder politische Botschat zurechtbiegt und dabei das offensichtliche Ächzen im Gebälk ignoriert.

Die 68er-Generation der Regisseure etwa hat das kompromisslose „Nein!“ der Antigone, auch das der Elektra, gegenüber der staatlichen Macht idealisiert und sich schamlos auf ihre Seite geschlagen. „Macht’s kompromisslos“, schrieb uns ein verdienter Intendant zur Premiere unserer „Antigone“ 2012 nach Dortmund – ohne zu bemerken: Wenn er selbst eine Figur in dieser Tragödie wäre, dann Kreon.

Aber wie kann das nun konkret aussehen, diese dynamische In-Beziehung-Setzung eines antiken Materials mit dem, worin wir uns 2016 befinden, driftend? Die textgetreue Aufführung der ebenso schönen wie sperrigen Hölderlin-Übersetzung der „Antigone“ zum Beispiel kann ein Freudenfest für Germanisten und Philologen darstellen. Letztendlich verweigert sie aber den Dialog mit einem Publikum, das gerade erst lernt, sich in der massiv verschärften politischen Situation zurechtzufinden und die Explosion von Gegenwart in den sozialen Netzwerken adäquat einzuordnen.

Also überschreiben, anpassen, umdichten, remixen? Ja. Aber! Wenn in einer hochgelobten Überschreibung der „Orestie“ Orest und Elektra in einer Rückblende plötzlich „über den Domplatz“ laufen, dann bin ich trotz aller Lust am freien Umgang mit Literatur peinlich berührt. Man kann die wenigen abendländischen Quellen, die noch nichts vom Christentum wissen, nicht mir nichts dir nichts ihres spezifischen Platzes in der Geschichte berauben. Und man kann auch nicht die tragischen Konfrontationen zwischen den Figuren, die jede für sich einem hochgerüsteten Heereslager mit gezückten Speeren gleichen, in „private Probleme“ übersetzen, so wie es vor ein paar Jahren eine „Antigone“-Inszenierung versuchte, als sie den Chor durch eine vierköpfige bürgerliche Familie ersetzte. Damit nimmt man den alten Stoffen alles, was sie uns sein können: nämlich die überwältigende Erfahrung, dass uns in den gegenwärtigen Krisen etwas „sehr, sehr Altes“ (Kirsch) wieder begegnet, das uns als Vielheit und Gattung angeht und aller politischen Ordnung und protagonistischer Individualisierung vorgängig ist, sie durchstößt und an den mythischen Grund erinnert, von dem sie sich abhebt.

2014 habe ich am Schauspiel Dortmund an einer Überschreibung der „Elektra“ von Euripides gearbeitet und bin letztendlich an genau diesem Anspruch gescheitert, Analogien herzustellen und dennoch das spezifisch Griechische an der Tragödie unangetastet zu lassen. Die Klippe, über die ich nicht hinweggekommen bin, war der Tyrannenmord an Agamemnon. Mein Gedanke war: Wenn die Effekte von Macht so dezentralisiert wirken wie heute in Mitteleuropa, wenn sie sich in Techniken der Selbstoptimierung genauso offenbaren wie in konkreter staatlicher Bürokratie und polizeilicher Gewalt – ist es dann nicht falsch, sie in einem einzigen Herrscherkörper zu bündeln, den man dann einfach stellvertretend abstechen lässt? Dieser Überlegung entsprechend haben wir Orest den König suchen, aber nicht finden lassen, gefolgt von einem wütenden Monolog des Orest darüber, dass an dieser Stelle die Tragödie zu Ende sei, der Himmel leer, der Feind „überall und nirgendwo“, Orests Rolle als Rächer faktisch gestrichen.

Letztendlich war es überkorrektes Denken, das mich zur Dekonstruktion der tragischen Szene selbst verleitet hat, ein Übererzählen von Gegenwart, bis wenig Fragen mehr offenblieben und der Dialog der Zeiträume über Jahrtausende hinweg erstickte. Analogien arbeiten eben bis zu einem gewissen Grad mit Unschärfe, sonst wären sie keine. Ich hatte übersehen, dass die alten Texte die Machtfrage bereits viel differenzierter behandeln, als ich wahrgenommen hatte. Sie sprechen, nochmals Kirsch: „von nichts anderem als davon, dass die Bündelung von Macht an einem Ort nicht funktioniert“.

Über den Autor

Alexander Kerlin ist Dramaturg, Autor und Kurator. Seit 2010 arbeitet er am Schauspiel Dortmund und erhielt u. a. für seine gemeinsamen Arbeiten mit Kay Voges überregionale Aufmerksamkeit. 2014 erhielt er den Förderpreis für Nachwuchskünstler des Landes NRW, Sparte Theater. Seit 2010 leitet er den Sprechchor Dortmund, das „17. Ensemblemitglied“ am Schauspielhaus.